epv 2010
epv 2010

Helmut Exner - Walpurgismord

 

Hexen sollen brennen

 

Die raue Landschaft des Harz ist es, in der Helmut Exner sein neues Buch, einen  Kriminalroman, ansiedelt. Landschaft und Menschen seiner eigenen Heimat geben der Geschichte ihre Rahmung, sorgsam entfaltetes Lokalkolorit bis hin zu einigen mundartlich gestalteten Passagen (die aber immer dezent und verständlich bleiben). Wie überhaupt der Dialog häufig im Mittelpunkt des Geschehens steht. Kein blutlastiges Action Getümmel bringt Helmut Exner zu Papier, sondern eine ruhige, stetige, seinem Stil entsprechend gründlich und mit differenziert gezeichneten Protagonisten versehene Geschichte, die im Wesentlichen von den Personen und ihren diversen Verflechtungen getragen wird.

 

Auf drei Zeitebenen führt Exner den Kriminalfall vor Augen. In den 60er Jahren leidvolle Erfahrungen zweier jugendlicher Freunde in einem katholischen Internat mitsamt der, sensibel geschilderten, Missbrauchsproblematik. In den 80er Jahren das Verschwinden eines Ehepaares in der Harzer Natur unter Zurücklassung ihres Sohnes Amadeus und in der Gegenwart eine Verkettung von Umständen, die zunächst zu einer Toten auf einer Gartenbank führen.

Die Frau des Staatsanwaltes sitzt eines Morgens tot auf der Bank im Garten des Fräulein Höschen (Hö-schen gesprochen, darauf legt das Fräulein wert!).

Die ehemalige, kompetente, ob ihrer gradlinigen Art aber ebenso auch gefürchtete, Lehrerin ist zum einen die Erbtante des damals allein zurückgebliebenen Amadeus, zum anderen kurze Zeit vor dem Mord an der Frau mit deren Mann, dem Staatsanwalt, vor Gericht als Zeugin aneinander geraten. Bald schon wird deutlich, dass der Mord an der Frau in einem größeren Zusammenhang zu verstehen ist, einem Zusammenhang, der von den 60er Jahren über die 80er Jahre bis in die Gegenwart reicht und sich als ein familiäres und freundschaftliches Drama entpuppen wird. Ein Drama, das auch die Freundin des Neffen Amadeus in Mitleidenschaft ziehen wird. Als diese verschwindet wird deutlich, dass Fräulein Höschen, ihr Amadeus und die Polizei nur bis zur Mitternacht der Walpurgisnacht Zeit haben werden, das gesamte Verbrechen aufzuklären und damit Marie zu retten.

 

Nicht bis dahin dauert es im Roman, bis das Dunkel sich bereits lichtet und die Protagonisten, wie auch der Leser, bereits ahnen, wer hinter dem Mord und all den weiteren Gefährdungen stecken könnte. Seine Spannung bezieht die Geschichte somit nicht, wie ansonsten häufig in Krimis,  aus der Tätersuche mit verblüffendem Ende, sondern allein aus den sich aufbauenden Gefährdungen für die handelnden Personen. Der innere, rote Fade ist dementsprechend nicht in der Ermittlungsarbeit zu suchen (auch wenn diese sich natürlich als Klammer durch das Buch zieht), sondern in den intensiven, vielfältigen und verwickelten Beziehungen, die zwischen den Personen vorliegen. Daher macht die Breite der Dialoge im Buch auch Sinn.

 

Hier spielt Exner eine seiner Stärken aus. In der ruhigen und gründlichen Gestaltung der Figuren gelingt ihm ein lebendiges Bild sowohl der einzelnen Persönlichkeiten wie auch der gegenseitigen Beziehungen. Noch in den „Nebenrollen“ (der zugewanderte Schwabe, der weiterhin freudig schwäbelt im kernigen Harz) spürt man dem Buch die sorgfältige Gestaltung der Personen ab. Dass selbst eine aufrechte Ikone des Dorfes, Fräulein Höschen, durchaus in der Schweiz noch einige Konten geerbt hat, von der der deutsche Fiskus nichts ahnt, setzt geschickte Brüche mit in den Raum, die den Personen Farbe und Lebendigkeit mit auf den Weg geben.

 

Ebenso sorgfältig und erkennbar ist das landschaftliche und soziale Umfeld in den Roman eingebettet.

Gut erzählt also ist die Geschichte allemal. Bleibt als Manko die leider allzu rasch verfliegende Spannung der Tätersuche, die das Buch zwar sprachlich weiterhin ein Vergnügen sein lässt, dennoch aber zu früh einen möglichen Spannungsbogen herausnimmt. Als Auftakt einer „Harzer Krimireihe“ aber durchaus zu empfehlen und Lust auf mehr erweckend. Eine Fortsetzung ist bereits in Arbeit.

 

M.Lehmann-Pape 2011