Zsolnay 2010
Zsolnay 2010

Henning Mankell- Der Feind im Schatten

Als 1998 mit dem neunten Fall in dem Buch "Die Brandmauer" Henning Mankells Kommissar Kurt Wallander aus Ystad im südschwedischen Schonen sich endgültig verabschiedete, da war die Trauer unter den Millionen eingefleischten Wallander-Fans groß. Die Folgeromane von Henning Mankell waren allesamt den Kauf und die Lektüre wert, aber doch blieb mit seinem Namen und jeder Ankündigung eines neuen Buches etwas Nostalgie verbunden und die stille Hoffnung, Wallander könne vielleicht, etwa in einem Buch, in dem seine Tochter, ebenfalls Polizistin geworden, die Hauptrolle spielt, zurückkehren.

Nun ist dieser Wunsch tatsächlich erfüllt worden von Henning Mankell, und man kann nach der Lektüre lange darüber nachdenken, was der genaue Grund dafür gewesen sein mochte. Wollte er den anderen schwedischen Krimigrößen, Sjöwall/Wahlhöö und Arne Dahl nacheifern und auch die "Zehn" voll machen ? Wollte er sich selbst endlich lösen von einer Figur, die vielleicht all die Jahrzehnte mehr mit ihm selbst zu tun gehabt hat, als er es wahrnehmen wollte ?

Wollte er sich mittels seiner Kultfigur mit der Einsamkeit des Alters, der Angst vor dem Tod und dem Hinfälligwerden " schwer zu schaffen machen ? Oder wollte er einfach Abschied nehmen ?

Denn "Der Feind im Schatten" ist ein Abschiedsbuch, sein durchgängiger Tonus entspricht dem Herbst, auch dem Lebensherbst kurz vor dem Tod. Im Verlauf des Buches spielen die verschiedenen Jahreszeiten eine Rolle, Wallander sieht sie kommen und gehen und löst während dieser Zeit einen Fall, obwohl er eigentlich im Urlaub ist. Wie wir aus den neun anderen Büchern schon wissen, ist ein Mann wie Kurt Wallander überhaupt nicht in der Lage, wirklich Urlaub zu machen, er kann nicht abschalten, dämpft seine Gefühle nach wie vor mit mehr Alkohol, als ihm, mittlerweile schwer zuckerkrank, gut tut und kämpft das ganze Buch über mit Erinnerungen aus seiner Vergangenheit. Dass ihm schon zu Anfang des Buches, und in der Folge immer häufiger, die Kurzzeiterinnerungen ausbleiben, und er nicht mehr weiß, warum er jetzt gerade dort ist, wo er ist, macht ihm, nachdem diese Schwärze nach einigen Sekunden bzw. Minuten wieder verblasst zunehmend Sorgen, doch sein Arzt beruhigt ihn.

Auch in seinem letzten Fall trägt Wallander, darin seinem Schöpfer ähnlich, schwer am Weltgewissen und ermittelt dieses Mal in seiner eigenen Familie. Seine Tochter Linda hat ein Kind bekommen von einem adligen Börsenmakler ( auf diese Weise kann Mankell so nebenbei die Finanzkrise 2008 abhandeln). Der Vater von Hans, der ehemalige Korvettenkapitän Hakan von Enke verschwindet eine Tag, nachdem er bei seiner Geburtstagsparty sich Wallander öffnete und sehr besorgt wirkte. Hakan ist ehemaliger U-Boot-Kommandant und seit Jahren einer Verschwörung auf der Spur. Im Herbst 1980 hatte er ein fremdes U-Boot aufgebracht und musste es auf Befehl von oben ziehen lassen. Wer hatte damals den Befehl dazu gegeben ? Hatte Olof Palme etwas damit zu tun, von dem es doch immer wieder hieß, er sei ein russischer Spion und Kommunist ?

Kurt Wallander nimmt die Fährte auf. Erst recht, als nach einigen Wochen auch Louise von Enke spurlos verschwindet. Wallander findet Dinge heraus, spürt wie immer Zusammenhänge auf, kann sie nicht richtig sehen, sie verschwinden wieder, tauchen später wieder auf, und bald knüpft er wie eh und je an einem spannenden Netz. Dabei leidet Wallander mehr noch als früher an der Dunkelheit der Welt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten langsam immer mehr auf seine eigene Seele gelegt hat und die er nicht mehr locker und entspannt loslassen kann. Henning Mankell lässt seine Figur sozusagen durch die ganzen bösen Taten, die ihm begegnen, selbst hindurchgehen. Und das tut ihm nicht gut. Schon früher hat er gelitten, jetzt aber, jenseits der sechzig und chronisch krank und einsam, raubt es ihm die letzte positive Lebensenergie. Einzig seine Enkeltochter Klara gibt ihm so etwa wie Hoffung und Perspektive für die Jahre, die ihm noch bleiben und vor denen er sich fürchtet wie vor keinem Verbrechen vorher.

Auf seinem Ermittlungsweg quer durch das Buch begegnen ihm viele Menschen, die ihm wichtig waren, zum Beispiel die litauische Polizistenwitwe Baiba, die Wallander geliebt hat, wie kaum eine andere Frau vorher, und die ihm, nachdem sie nicht seine Frau werden wollte, entglitten ist wie das meiste in seinem doch eher traurigen Leben. Andere Figuren oder Reminiszenzen aus den früheren Büchern tauchen auf, wecken beim Leser Erinnerungen und führen Wallander immer auf eine Idee, die ihn im aktuellen Fall weiterbringt. Das wirkt oft arg konstruiert in einem recht abstrakten Krimi, der sich ungewohnt langsam, geradezu träge, seiner Lösung nähert.

Gegen Ende des fast 600 Seiten starken Buches, das man dennoch in nur wenigen Leseportionen zu Ende liest, gebannt und seltsam fasziniert von dieser depressiv-melancholischen Figur, die an der Welt leidet und an sich selbst, sagt Kurt Wallander zu sich selbst:
"Ich bin immer noch die verwirrte Gestalt an der Peripherie des großen politischen und militärischen Geschehens. Heute wie damals bin ich eine ängstliche und unsichere Randfigur."

Doch so unbedarft waren Wallander und sein Erfinder nie. Denn Wallander durfte nie nur einen Mord aufklären, es ging ihm und Mankell immer auch darum, das jeweilige "System" dahinter zu demaskieren. Nun tritt er ab, verabschiedet sich endgültig, wie auf der letzten Seite deutlich wird.

Wir werden ihn schon etwas vermissen.

 

Winfried Stanzick 2011