KiWi 2013
KiWi 2013

Herman Koch – Odessa Star

 

Merkwürdiger Versuch der Lebensänderung

 

Der Klappentext verrät es bereits. Der „neue, alte“ Freund, den Fred Moormann sich als „neues Umfeld“ ausgewählt hat, ist ein harter Knochen. Ein „Boss“ der Unterwelt. Einer, der mit der „Odessa Star“, einem Frachter, einiges an verdeckten Geschäften tätigt.

 

Vor allem aber scheint Max G. (den Fred bereits aus Schulzeiten kennt) zunächst gar nicht zu wissen, was er mit diesem Fred nach Jahrzehnten der „Pause“ nun anfangen soll. Nur weil Fred beschlossen hat, dass „neue Freunde“ her müssen? Was hat er damit zu schaffen?

 

Wie eine Klette heftet sich Fred an die Fährte des Kriminellen, lässt es zu „unerwarteten“ Begegnungen kommen und, tatsächlich, die Hartnäckigkeit scheint sich zu lohnen. Zumindest das Problem mit einer älteren Mieterin im Hause Freds löst sich relativ schnell.

 

Aber, wie Fred erfahren muss, alles hat seinen Preis.

Das sieht er bereits am Umgang mit jenem Fahrer eines Golfes, der Max G. und seinen Gehilfen bei einer „Ausfahrt“ leicht stört. Und das wird er noch an sich selber feststellen müssen.

 

Weniger aber zunächst der zu zahlende Preis steht im Mittelpunkt dieses Romans, sondern Koch gelingt es zumindest zu Beginn, die innere Zerfaserung eines Mittvierzigers, eines bis dato kleinbürgerlich agierenden Mannes, minutiös zu beschreiben.

 

Angefangen bei einer Erinnerung an Schulzeiten (eine Fantasie des Max G. über das „harte“ Liebesleben des ungeliebten Französisch-Lehrers, die klar, massiv und in aller Deutlichkeit und Härte von Koch beschrieben wird) und des damit verbundenen Reizes einer „anderen Welt“), über die Verächtlichkeit, mit der Fred mehr und mehr seinem gewohnten Umfeld begegnet bis hin zu dem spürbaren Wunsch des Mannes, seinem heranwachsenden Sohn doch noch zu imponieren, einen Draht zu ihm hinzubekommen.

 

Aber ob diese Folgen der neuen Freundschaft so gewollt waren?

Oder ist nun einmal der innere Drang größer, selber einfach einmal „gesehen“ werden zu wollen? Denn Fred, das ist nun mal einer, der kaum im Gedächtnis haften bleibt, der nicht den Eindruck hinterlässt, den er gerne hinterlassen würde.

 

Ein Weggleiten aus dem Alltag, der Versuch, sich aufzublasen und dann jenes „nicht mehr loswerden der Geister, die man rief“, das alles schickt Herman Koch durchaus mit Tempo und einem intensiven Blick auf die inneren Vorgänge lesbar auf den Weg.

 

Aber zudem auch mit Brüchen, was die innere Logik der Geschichte und deren Realitätsgrad angeht und, vor allem, mit einer überbordend dargestellten Verachtung für „normale Menschen“. Oder gegenüber Menschen überhaupt.

 

„Wenn man wollte wie man könnte“, da müsste sich aber so mancher Nachbar, Mitbewohner oder so manche nervende Schwägerin vorsehen, so lässt sich das Buch auch beschreiben.

Ein sprachlich nicht immer einfach zu ertragendes Buch, dass über ein „denen zeig ich´s“ einfach zu wenig hinausgeht und daher doch letztlich den Leser irritiert zurücklässt.

 

Dennoch, die Entfaltung von Charakterlosigkeit und Menschenverachtung und zudem das Augenmerk auf die Egomanie und das Desinteresse an anderen Menschen hinter vielen bürgerlichen Fassaden, die legt Koch durchaus intensiv vor Augen.

Bei allen Brüchen der Geschichte und übertriebenen Handlungen von Personen im Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013