Grafit 2011
Grafit 2011

Horst Eckert - Sprengkraft

 

Terror in Deutschland?

 

Vielfältig sind die Erzählfäden, die Horst Eckert in ebenso klarer wie temporeicher Sprache spinnt. Lange Zeit wie unverbunden stehen die Handlungsstränge nebeneinander, bevor sich im letzten Drittel des Buches nach und nach alles zusammenfügt, bis zur letzten Seite aber jederzeit überraschende Wendungen in den Raum stellt.

 

In drei Richtungen beginnt Eckert seinen Roman.

 

Zunächst wird ein alter Fall in Düsseldorf aufgerollt. Der schon länger zurückliegende Mord an einem marokkanischen Drogendealer beschäftigt den 52jährigen Kommissar Martin Zander und seine junge Kollegin Anna Winkler. Zander, der es zu Zeiten mit dem Gesetz nicht allzu genau nahm, selber damit ins Zwielicht gerät und erpressbar wurde, der in der Gegenwart noch in seinen Ermittlungen durchaus auch unkoschere Wege zu gehen versteht, hat im Auftrag des Polizeidirektors dringlich aufzuklären, wer im damaligen Mordfall die undichte Stelle seiner ehemaligen Abteilung war. Denn es gab eine.

 

Moritz Lemke, gerade arbeitslos gewordener, freier Journalist erhält das Angebot, für die eher rechts stehende Partei „Die Freiheitlichen“ eine Kampagne zu entwerfen und anzutreiben, die einerseits einen Imagewechsel installieren soll und andererseits die Partei über die 5% Hürde zu hieven hat. Eine Arbeit, die ihn vor eine private Zerreißprobe in mehrfacher Hinsicht stellen wird.

 

Rafi, Said und Yassin haben sich dem fundamentalistischen Verständnis des Islam zugewendet und planen einen Anschlag zu. Da explodiert bei einem ihrer konspirativen Treffen eine Bombe. Paul Veller, Landeskriminalamt, beginnt mit den Ermittlungen. Schnell steht der Verdacht im Raum, dass ein massiver Terroranschlag in Düsseldorf geplant war. Ein Verdacht, der den „Freiheitlichen“ massiven Auftrieb verleiht, der Martin Zander und Anna Winkler dem Ermittlungsteam um Veller hinzufügt (eine Zusammenarbeit, die auch private Folgen haben wird), währenddessen Zander mehr und mehr unter Druck gerät und nebenher die Puzzelstücke des damaligen Informanten seiner Abteilung versucht, zusammenzufügen.

 

Und dann kommt doch alles anders, als die Protagonisten (und der Leser) dachten.

 

Temporeich, gründlich recherchiert, mit Figuren versehen, die differenziert und voller Eigenwendungen im Raum stehen bietet der Roman ein nicht nachlassendes Lesevergnügen. Klar und präzise versteht Eckert, zu formulieren und aufzuzeigen. Sowohl die Traditionen und Lebensweisen arabisch stämmiger Gemeinschaften in Düsseldorf mitsamt der zunehmend kritischen Reaktion der deutschen Bevölkerung, als auch die Ermittlungsarbeit der Polizei, wie auch die politischen Verschachtelungen und Ränkespiele, hintergründige Absichten und gegenseitiges Misstrauen. Wie er den morbiden, rechten Hintergrund der besseren Gesellschaft darstellt und ins Spiel bringt, das hat eine überzeugende Kraft im Roman. Ebenso, wenn er ungefiltert das Zerlegen einer Leiche darstellt.

Denn nicht jeder der Protagonisten, bei denen es Eckert gelingt, jede der Hauptfiguren zu einem Sympathieträger zu gestalten, wird das Ende des Romans erleben.

Zudem legt Eckert wert auf eine Entwicklung seiner Personen, die deutlich erkennbar im Roman stattfinden.

 

Sei es die junge Polizistin, die einige klare, private Entscheidungen zu treffen haben wird, sei es der ehemalige Grüne und grundsätzlich liberale Journalist Moritz Lemke, der an ganz anderem Ort zum Schluss anlangen wird, als er es zu Beginn sich hätte vorstellen können.

 

Rasant, spannend, realistisch und logisch aufgebaut gilt zu recht, was hr2 Kultur formuliert: „Eckert braucht den Vergleich zu Grisham und John le Carré nicht zu scheuen“.

 

M.Lehmann-Pape 2011