Aufbau Verlag 2016
Aufbau Verlag 2016

Ian Caldwell – Das geheime Evangelium

 

Kluger und gelungener Vatikanthriller

 

Auch wenn die Rahmenfakten dieses neuen Thrillers von Ian Caldwell an Dan Browns „Da Vinci Code“ erinnern (die Bedeutung eines besonderen Bildes steht mit im Mittelpunkt der Ereignisse“, sowohl, was die sprachliche Kraft, was den akribischen Realitätsgrad des Lebens im Vatikan (samt, im Gegensatz zu Brown, tatsächlicher Ortskenntnisse), als auch was die Tiefe der Themen und den eigentlichen Kern des Thrillers angeht, hebt sich Caldwell deutlich im positiven Sinne von Brown ab.


Der Autor kennt den Vatikan, die versteckten Orte, die ständige Bautätigkeit, die bestimmten Aufzüge. Und das Thema des Grabtuches von Turin ist ein real ebenso umstrittenes, wie es im Buch dargestellt wird. Ebenso, wie es die Evangelienharmonie aus dem 2. Jahrhundert, in Edessa entstanden, natürlich wirklich gibt (gab, vielmehr).

 

Eine Ausstellung steht vor ihrer Eröffnung, ein Forscher hat sich mit aller Kraft in die Interpretation der Evangelienharmonie gestürzt, um darin die Echtheit des Tuches vielleicht beweisen zu können. Ein Priester mit Leib und Leben hat vorgearbeitet, auf der orthodoxen Seite diplomatisch gewirkt, denn der Heilige Vater, Papst Johannes Paul (in seinem letzten Amtsjahr) will Einheit stiften, das Schisma überwinden.

 

Da wird der Forscher tot aufgefunden. Von Simon, dem Diplomaten-Priester. Der wiederum seinen Bruder Alex zu Hilfe ruft, der den ostkatholischen Weg eingeschlagen hat (ostkatholische Priester dürfen heiraten, solange sie noch nicht ordiniert sind).

 

Was ist geschehen? Kann es sein, dass der bis ins Mark sein Amt lebende Priester Simon den Forscher, seinen Freund, erschossen hat, damit die Ausstellung und, noch viel mehr, der höhere Zweck derselben nicht gefährdet wird?

 

Oder gab es den „ungekannten Dritten“, einen Boten jener Mächte, die um jeden Preis jede Veränderung des Status quo der Kirchen verhindern wollen? Gegen jede Regel wird ein kanonisches Gericht zusammengerufen, das in aller Stille den Fall klären soll, während Simon sich in eisernes Schweigen hüllt und an einem unbekannten Ort unter Hausarrest steht.

 

Simon, der für seinen Bruder Alex Vater und Mutter war, der Kern seines Lebens, der, der seine Wege geebnet hat. Alex ermittelt. Und lässt sich weder einschüchtern noch abhalten. Und bald wird klar, die Lösung des Falls und des Rätsels wird in den Texten des alten, „fünften Evangeliums“ zu finden sein.

 

Ereignisse, Nachforschungen, die Caldwell Gelegenheit geben, den Leser mit hinein zu nehmen in das Innerste der katholischen Kirche. In die Ränkeschmiede mancher Kardinäle, in die Bedeutung all der Kleidung samt derer Farben, in das einfache Leben der „einfachen“ Bewohner des Vatikan wie in die oberste Etage, in das „Penthouse des Papstes“. Macht, Tradition, aber auch echter, gelebter Glaube, aus jeder Seite des Buches dringt all dieses hervor.

 

Und führt zum eigentlichen Kern dessen, von dem Caldwell spannend, temporeich und sehr, sehr empathisch erzählt. Denn es geht in erster Linie gar nicht so sehr um den Tod des Forschers. Es geht um die Liebe.

 

„Gottes höchstes Gebot ist die Liebe“.

 

Und wie allumfassend und sprachlich elegant Caldwell die Liebe in ihren Facetten zum Sprechen und Schwingen bringt, das ist überaus lesenswert nimmt den Leser mit hinein in diesen Bereich, der weit mehr ist als ein nur romantisches Gefühl.

 

Die Geschwisterliebe. Die Liebe zum eigenen Kind als Vater (Alex ist alleinerziehender Vater). Was hier an kleinen Szenen wie nebenbei erzählt wird, wie tief Caldwell in das Herz seiner Protagonisten blicken lässt, wie feinfühlig er die entsprechenden Emotionen, die das Herz füllen, bildkräftig beschreibt und für den Leser auf den Punkt bringt, das ist ganz hervorragend zu lesen.

 

Die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zu Gott, zum Glauben werden innerhalb der Lektüre ebenso offengelegt und emotional nachvollziehbar, wie zudem, das Buch durchaus auch als einen der roten Fäden eine theologische Erläuterung zum Johannesevangelium enthält und wie und warum in diesem die universale Liebe eben genauso stattfinden muss, wie sie in Christus stattgefunden hat.

 

Mit viel Hintergrundwissen versehen, dennoch nie trocken und belehrend, sondern immer im Fluss des Geschehens, nutzt Caldwell seinen intelligent aufgebauten Fall, um dichtes und emotional wunderbar berührendes Wissen zu vermitteln.

 

 

Ein hervorragendes Buch, das nebenbei tatsächlich „Lust auf Kirche“ macht. Nicht in jeder Hinsicht, aber in so mancher.

 

M.Lehmann-Pape 2016