Manhattan 2013
Manhattan 2013

Ian Rankin – Mädchengrab

 

Der nächste Rebus-Klassiker

 

Bis dato war jedes der Bücher um den schottischen Detective-Inspektor John Rebus, wohnhaft und arbeitend in Edinborough, ein Klassiker der britischen Kriminalliteratur.

 

Und nichts anderes kann man auch über diesen neuen Fall des zuviel trinkenden, zuviel rauchenden, intuitiven, überwiegend misanthropischen, leicht melancholischen, mit einem Wort, ziemlich eigen veranlagten Inspektor, sagen.

 

Wobei Rebus sich nun im Ruhestand befindet und doch nicht von der Ermittlungsarbeit lassen kann. Weniger aus innerem, unwiderstehlichen Antrieb heraus, mehr aus der Frage heraus, was er denn eigentlich so anfangen soll ohne eine Rahmen gebende und Zeit füllende Tätigkeit.

Alte Kontakte sind längst fast eingeschlafen, regelmäßig trifft er sich nur mit seinem alten Gegenspieler und Unterweltboss Big Ger Cafferty. Was Rebus kaum Recht ist. Aber, was will man machen, wenn der alte Erzfeind regelmäßig vor der Tür steht?

 

So arbeitet Rebus in einer kleinen Abteilung privater Ermittler der Polizei Schottlands, die sich mit alten, ungelösten Fällen (fast ohne Erfolg) beschäftigt und stolpert eher, als das er systematisch etwas entdecken würde, in einen alten Fall eines verschwundenen Mädchens.

 

1999 zu Sylvester verschwand dieses spurlos im Norden Schottlands. Aber die Mutter lässt nicht locker und trifft bei ihrem neusten Vorstoß in der Abteilung auf Rebus. Der zunächst wenig interessiert scheint, dann aber Parallelen entdeckt zu anderen, verschollenen, jungen Mädchen. Das neuste Verschwinden betrifft die Tochter der Lebensgefährtin der neuen Größe in Edinboroughs Unterwelt, Frank Hammill. Und Rebus nimmt Fährt auf.

 

Jeder, der schon einige Bücher von Rankin gelesen hat, weiß nun, dass ein Rebus niemals eine einmal aufgenommene Spur verlassen könnte, wenn der Fall nicht geklärt ist. Ob der Körper ächzt und rebelliert ("Jetzt bitte noch nicht“ beschwört Rebus seine „Organe“), nächtelange Überlandfahrten den alten Saab an seine Grenzen bringen, der Alkoholkonsum steigt und Zigaretten als Nahrungsersatz dienen, Rebus lässt nicht locker. Wird sogar kurzfristig wieder Teil seiner alten Einheit und vertieft aufs Neue das Verhältnis zu Siobhan Clarke, seiner Kollegin und, sowie er es versteht, auch privat Schutzbefohlenen.

 

Da, wo andere erst gar nichts entdecken, da, wo bei anderen ein Achselzucken die einzige Antwort auf kleinere Widersprüche in den Akten darstellt, da setzt Rebus Stein für Stein zusammen, lässt keinen Hehl daran, dass er den größten Teil der Menschheit (samt der meisten Polizeibeamten) für unerträglich hält, nicht weiter beachtenswert. Führt weiterhin seine offene, durchaus in Teilen auch harte, klare und direkte  Sprache und folgt seiner Intuition weitaus mehr als Laborergebnissen  oder den Vorgaben etwaiger Vorgesetzter.

 

Exzellent entfaltete Personen, eine dunkle, durchaus in Teilen depressive Atmosphäre, neue Gegner in Edinborougs Unterwelt, die sich erst allmählich herausschälen werden, junge und „ganz anders und neu“ herangehende Polizisten, die kaum einen Schritt weiterkommen. Korruption auch im engen Umfeld und sechs verschollene Mädchen entlang der A9 in Schottlands Norden, all das ergibt, wieder einmal, einen Kriminalfall in dichter Atmosphäre, getragen von Protagonisten, die bis ins Detail von Rankin ins Leben gerufen werden und dann aufeinanderprallen. Und mittendrin jener ältere, lübergewichtige, kurzatmige Inspektor, der weder Freund noch Feind schont auf seinem Weg, den Täter zu überführen. Und auf dem Weg der Lösung manch sehr überraschende Entdeckung machen wird, was zumindest eines der verschollenen Mädchen angeht. Eine Entdeckung, die durchaus in das teils trübe Bild der Welt passt, in der Rebus sich bewegt und wie Rankin sie sieht.

 

Weniger actionreiche Spannung ist es, welche die Romane von Rankin so lebendig wirken lassen, sondern genau dieses Spiel der Beziehungen, die Ränke, Intrigen, die harten Männer und die cleveren Emporkömmlinge, die Pubs und die alten Vinylschallplatten des John Rebus.

 

Der weder Gefahr noch geprellte Rippen scheut, wenn er seinen Weg zu gehen gedenkt. Ob er sich doch noch einmal regulär bei der Polizei bewirbt? Der Weg steht am Ende offen und Rankin lässt ihn auch offen. Was zu hoffen lässt, das der ein oder andere „Rebus“ dem Leser auch in Zukunft die Zeit verfliegen lässt. Ein hervorragender Kriminalroman.

 

M.Lehmann-Pape 2013