dtv 2012
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Ilkka Remes - Blutglocke

 

Machtübernahme im Land

 

„Kommissarin Johanna Vahtera saß im Zahnarztstuhl und hörte auf das Wimmern des Bohrers. Sie blinzelte mit ihren tränenden Auge. Sie spürte, wie ihr die Wimperntusche über die Wangen lief. Trotzdem sah sie dem Zahnarzt, der aussah wie Tom Cruise, direkt in die Augen“.

 

Die bereits aus dem Vorgängerbuch bekannte Kommissarin zeigt schon in dieser Szene, dass sie vom Wesen her grundsätzlich nicht bereit ist, klein beizugeben und den Gefahren lieber ins Auge sieht, als sich abzuwenden. Eine Eigenschaft, die sie in dem vor ihr liegenden Mix aus Mafiageschäften, Schmuggelbanden, Gewalt, Mord und einer großangelegten Verschwörung durchaus brauchen wird.

 

Granow heißt der Mann, der noch eine Rechnung mit den deutschen Behörden offen hat. Jene Polizei, jener Staat, dessen Außenminister er verantwortlich macht für den Tod seiner Frau im Rahmen eines Schusswechsels. Aber auch sein Sohn Rem wird sich in diese Rache einmischen, anders, als es dem Vater lieb sein wird.

 

Als Sohn eines Mafia Bosses hat Rem Granow genügend Einblick in kriminelle Machenschaften erhalten, um seinen ganz eigenen Plan minutiös umzusetzen. Ein Plan, bei dem sein Vater in seinen Augen keine Rolle mehr spielen wird.

Die Entführung des Sohnes des deutschen Außenministers in Finnland und die Ermoderdung des Ministers durch Granow Senior ist hier nur ein erster Schritt. In den Augen des Sohnes zu wenig. Das ganze Land soll spüren, was es heißt, wenn Rem Granow seine Mutter rächt. Nichts weniger als die Macht in Deutschland will er übernehmen und zieht dafür alle Register moderner Medienarbeit und politischer Intrigen. Rem nutzt für diesen Plan vorhandenes Hintergrundmaterial über deutsche Politiker und die Suggestionskraft der Medien, um alles für seinen perfiden Rachefeldzug in Gang zu setzen.

 

Ilkka Remes gelingt es durchaus durch seine plastische Sprache, seine durchaus auch sperrigen Protagonisten und seine breiten Erläuterungen, dieses doch unglaubwürdig wirkende Szenario mit Leben zu füllen. Soweit zumindest, das der Leser den Rahmen akzeptiert und die eigentliche Handlung der Katz und Maus Jagd durch die Kommissarin durchaus mit Genuss und anregender Spannung verfolgt. Eine Katz und Maus Jagd, an der allerdings viele Personen mehr noch an so einigen Orten beteiligt sind. So viele, dass dem Leser schon hier und da droht, den Überblick zu verlieren und er ebenso einige Längen hinzunehmen hat. Nebenstränge der Handlung, die nicht wesentlich sind und deren Fehlen man nicht vermisst hätte. Was durch das sprachliche Geschick und die klare Sprache Remes einigermaßen wettgemacht wird. Immer vorausgesetzt, man nimmt als Leser die doch hanebüchene Geschichte der „Übernahme Deutschlands“ als gegeben hin.

 

Trotz  doch einiger Wirrungen, einiger Längen und einer wenig realistisch anmutenden „Verbrechensidee“ lässt Ilkka Remes seine Geschichte durchaus mit Tempo und viel Wissen über Medienmacht, Massenpanik und Intrigen voran laufen, getragen von der durchaus „tragfähigen“ Protagonistin Johanne Vahtera, ihrer Verbissenheit in den Ermittlungen und einem ebenso durchaus realistisch und gefährlich gestaltetem „Gegenspieler“. Sprachlich und im Aufbau bietet Remes so gute und solide Thrillerkost.

 

M.Lehmann-Pape 2012