Ullstein 2011
Ullstein 2011

Inge Löhning – So unselig schön

 

Kunst und Mord

 

Kommissar Konstantin „Tino“ Dühnfort hat schon einiges in seiner polizeilichen Arbeit gesehen, aber diese kopflose und blutentleerte Leichte in diesem leerstehenden Industriebau in München gibt ihm einiges an Rätsel auf und ist in keiner Weise mit seiner bisherigen Arbeit vergleichbar.

 

Zudem kommt der Mord fast zur Unzeit für ihn, muss er doch eigentliche alle innere Konzentration aufwenden, zu der er fähig ist, für sein Privatleben aufwenden. Frisch von seiner durchaus großen Liebe Agnes getrennt, mit er trotz aller Gefühle keine Basis für ein gemeinsames Leben sieht, ist bereits eine neue Frau ins ein Leben getreten, doch ganz von Agnes lösen kann er sich nicht. Hier stehen Entscheidungen an, die eigentlich seine ganze Kraft bräuchten.

 

Diese private Ebene des Kommissars bildet einen durchgängiger Strang der Geschichte, vermittels dessen Inge Löhnning in geschickter Weise ihre Hauptfigur mit Leben füllt und diese dem Leser so nahekommen lässt. Ein Blick auf die menschliche Seite der handelnden Personen, den Inge Löhning auch bei vielen der anderen Figuren anwendet und so, neben dem eigentlichem Kriminalfall ein Kaleidoskop fassbarer Menschen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt, die die Seiten des Buches nachhaltig mit Leben füllen.

 

Dühnfort ist natürlich professionell genug, seine privaten Unklarheiten nicht zu einer Belastung für die Ermittlungen werden zu lassen. Bald schon stellen sich Ähnlichkeiten zu einem Jahre zurückliegenden Mord ein, ein Spuren von  Ölfarbe am Tatort führen in die Künstlerszene, der Maler Carne („Fleisch“) war bereits beim damaligen Mord im Dunstkreis der Verbrechens einer der Verdächtigen, doch beileibe ist er nicht der einzige Künstler, der nach und nach in den Blickpunkt der Ermittlungen rückt. Doch keiner der Verdächtigen kann wirklich auf Anhieb überführt werden, alle Alibis sind vermeintlich wasserdicht.

 

Ermittlungen, die im Verlauf des Buches auch Vicky Senger betreffen. Sie fotografiert aus Leidenschaft und sie war es, die die Leiche bei einer ihrer Foto-Touren entdeckte. Mehr noch, in ihrer fotografischen Sammlung aus dem Industriegebäude entdeckt sie noch einen anderen Hinweis, dem sie nun auf eigene Faust hinter her geht. Und die sich damit durchaus in Gefahr bringen wird. Auch diese Figur ist sorgsam und mit Liebe durch die Autorin gestaltet. Vicky Senger ist keine alltägliche Erscheinung, weder mit ihrem Kleidungsstil noch in ihrer rauen Art noch in der dahinter liegenden Lebensgeschichte. Auch hier erweckt die Autorin mit ihrer differenzierten Darstellungsweise die Figur zum Leben.

 

Ein wenig im Dunklen bleiben die wirklichen Motive für die nun einsetzende eigene Ermittlung der Hobby-Fotografin, dem Buch aber verleiht dieser weitere Handlungsstrang eine deutliche Dichte, denn der Leser erhält so Einblick in die möglichen Hintergründe des Mordes aus verschiedenen Perspektiven heraus und ist so immer ein wenig im Vorteil, das gesamte Bild betrachten zu können. Ein Vorteil, der dennoch lange nicht dazu führt, dass wirklich klar ist, wird er Mörder und was die genauen Hintergründe der Tat sind. Diese Auflösung wird erst im Finale des Buches mit einigen Überraschungen aufwarten.

 

Ein kluger Kriminalfall, gepaart mit fassbaren und sorgfältig gestalteten Figuren zieht den Leser durchaus in den Bann der Welt der Protagonisten und macht Freude auf eine baldige  Fortsetzung.

 

M.Lehmann-Pape 2011