Galiani 2014
Galiani 2014

Jan Constantin Wagner – Tage des letzten Schnees

 

Tief melancholische Vernetzung dramatischer Entwicklungen

 

„Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sah einen Schatten an der Stelle stehen, an der die Beifahrertür gewesen sein musste“.

Die Beifahrertür und seine elfjährige Tochter Anna, die auch einen Augenblick vorher noch dagewesen war. Vor diesem Blitz und dem drehenden Geschehen.

 

Ein Unfall, Fahrerflucht, Anna tot und der Vater, Lasse Ekholm samt seiner Frau wie im Taumel. Eine Familie, die Kommissar Kimmo Joentaa oberflächlich kannte. In den Zeiten, in denen seine Frau noch lebte. Joentaa, der selber wie im inneren Nebel seit dem Tod seiner Frau lebt, der eine ominöse Mitbewohnerin hat, hält sich in der Nähe der Ekholms, auch als er zu einem Doppelmord gerufen wird.

 

Schilderungen, Ereignisse schon zu Beginn des Romans, die in ihrer melancholischen, düsteren, schweren Atmosphäre emotional nahe gehen, die nicht einfach zu ertragen sind.

 

Andere Personen treten hinzu, wie wahllos, in Ort und Zeit vom Geschehen des Unfalls noch getrennt.

 

Unto, 19 Jahre alt, kaum mehr als assoziativ vor sich hin lebend und Teil eines Blogs, für den „Breivig Gott ist“ (der Amokläufer).

 

Markus Sedin, scheinbar erfolgreicher Fondmanager, Ehemann einer weggleitenden Frau und Vater, der auf einer Geschäftsreise Reka kennenlernt und daraus gleich ein ganzes, fast professionell zu nennendes Doppelleben entstehen lässt. Im Übrigen die Person,  an der Wagner zunächst exemplarisch zeigt, wie brüchig die Grenze zwischen alltäglichem, Leben und der jederzeit möglicher innerer Erosion ist. Wie wenig Halt in dem zu finden ist, was die meisten Menschen ihren „sicheren Alltag“ nennen würden.

 

„Markus Sedin lebte in der Schwebe, auf einer schmalen Schiene zwischen den Welten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren“ (noch nicht).

 

Ein Architekt taucht auf, dem ebenfalls die „Ordnung der Welt“ entgleitet und Maris ältere Schwester, auch diese noch nicht im Leben gefestigt angelangt, versucht zu ergründen, was in ihrem „kleinen Bruder“ vorgeht.

 

So ergibt sich eine Melange völlig voneinander getrennter Welten und Ereignisse, die ihren Reiz vor allem daraus beziehen, dass der Leser von Beginn an davon auszugehen hat, dass sich all dies an irgendeinem Punkt der Geschichte in dramatischer Weise miteinander verbinden wird. Was aber erst ganz langsam und kaum erkennbar sich heraus deutet, was erst ganz zum Schluss (und einige Tote später), als es fast für alles zu spät ist, Kimmo Joenta sich erschließen wird.

 

Bis dahin verbindet die einzelnen Personen und Handlungsstränge, die Wagner abwechselnd verfolgt und denen er je einen ganz eigenen Anstrich, eine ganz eigene Sprache mit zu geben versteht, nur eines: Das das Leben entgleitet.

 

Eine bedrückende Atmosphäre, die in manchen Teilen als nicht unbedingt realistisch empfunden wird (das Doppelleben Sedins ist eigentlich zu ausgeprägt, um nicht aufzufallen), die hier und da als zu viel des Guten sich erweist und den Leser auch mit Geduldsproben konfrontiert.

 

Eine Geduld allerdings, die sich lohnt, wenn Wagner die Verbindungen beginnt, zu schließen und ein Bild des Lebens und der Welt im Nachhinein zu verstehen gibt, dass in seiner atmosphärischen, dunklen Dichte beeindruckt und sehr intelligent ein vorher kaum absehbares Ganzes in den Zusammenhängen ergibt.

Bis hin zu einem Ende unverhoffter Hoffnung und Zukunftseröffnung

 

M.Lehmann-Pape 2014