Heyne 2012
Heyne 2012

Jaques Berndorf – Die Grenzgängerin

 

Geheimdienstliche Verwicklungen und Gefahren

 

„Wenn ich das richtig sehe, haben wir den besten Agenten verloren, der mit Abstand beste weibliche Agent ist ohne Auftrag in Tripolis verschwunden, die Tarnung des sehr wichtigen Informanten Arthur Schlauf ist aufgeflogen.“

 

Wobei zu diesem Zeitpunkt der Leitung des deutschen Geheimdienstes noch nicht bekannt ist, dass eine noch unbekannte Frau mit Kiloweise nicht nachweisbarem Sprengstoff auf dem Weg nach Deutschland ist.

 

Genügend Gründe also für Direktor Krause, sich die noch wenigen Haare zu raufen. Krause, der Lunte gerochen hat durch einen unangenehmen Mitarbeiter und sich nach Hause verdrückt hat. Unter Protest seiner Frau, unter Beeinträchtigung der Einrichtung ob der notwendigen Umbauten in seinem Wohnzimmer. Aber was tut man nicht alles, wenn man sauer ist und seinen Dienst zu schützen hat. Und zudem voller Sorge um Müller, den besten Agenten, der in Tripolis verschwunden ist, um Svenja, die beste Agentin, Lebensgefährtin von Müller, die verschwunden ist (wobei allen klar ist, wohin Svenja sich aufgemacht hat). Und dies alles angesichts der Bedrohung durch die Unbekannte mit dem Sprengstoff und unter Druck durch einen hochrangigen Offizier und überzeugten Folterer des ehemaligen libyschen Regimes, der auf ein Flugzeug und ein sicheres Geleit drängt.

 

In Verbindung mit, wie immer bei Berndorf, auch hervorragend eingeführten und eigenständigen Nebenfiguren setzt der Autor in seinem neuesten Buch so einen munteren, durchaus hier und da mit feinem Humor gewürzten, nie aber langweiligen oder unlogischen Reigen in Gang, der bestens unterhält.

 

Absolute Hochspannung, blutige Gemetzel, ständig verwirrende Nebengeschichten, falsche Fährten und Finten sind dabei seine Sache nicht. Wohl aber der stetige Fluss einer in feiner Sprache erzählten Geschichte mit überzeugenden Protagonisten in durchaus erkennbaren Verbindungen und Wechselwirkungen. Wobei es besonders die sprachlichen Möglichkeiten Berndorfs in seinem ruhigen Erzählfluss sind, welche die Lektüre zu einem Genuss machen.

 

Unaufgeregt, mit oft kurzen, aber präzise treffenden Beschreibungen von Orten, Personen und Situationen und ebenso fließend realistisch funktionierenden Dialogen entfaltet Berndorf durchaus, fast wie nebenbei, noch einen Blick auf aktuelle Krisenherde und Hintergründe brutaler Machenschaften, an denen große Regierungen bei weitem nicht unbeteiligt sind.

 

Eine lockere Erzählweise, die auch den oft pathetischen Unterton vieler anderer Agentengeschichten gar nicht erst auf kommen lässt und durch hier und da leichte Überzeichnungen (ob einer wie Krause wirklich Geheimdienstchef werden würde?) das alles wieder ins rechte Maß rückt.

 

Eine in sich schlüssige, ruhig (und an rechter Stelle durchaus mit Spannungselementen gewürzt) erzählte Geschichte, die für gute Unterhaltung und Freude an Form und Stil sorgt.

 

M.Lehmann-Pape 2012