Kiepenheuer & Witsch 2013
Kiepenheuer & Witsch 2013

Jean-Luc Bannalac – Bretonische Brandung

 

Bestens getroffene Atmosphäre

 

Es ist nicht unbedingt „der Fall“, welcher die Lektüre dieses neuen Kriminalromans um den von Paris in die Bretagne versetzen Kommissar Georges Dupin zu einem Vergnügen macht.

 

Auch wenn die Hintergründe um den Tod dreier Männer auf offener See und das Verschwinden eines weiteren Mannes sich als sehr verzweigt und vertrackt erweisen werden. Auch wenn die ganz eigenen, assoziativen Ermittlungsmethoden Dupins einen durchaus anspruchsvollen Kriminalfall mit nicht immer einfach zu treffenden moralischen Entscheidungen vor den Augen des Lesers sich entfaltet.

 

Was vor allem in den Bann zieht ist die bildkräftige Sprache Bannalacs, der treffende Blick für die Menschen in ihren Eigenarten, für das Licht der Bretagne, die ganz eigene Atmosphäre auf der vor gelagerten Inselgruppe des Glenan und die, mit wenigen Strichen oft punktgenau skizzierten, Beziehungen Dupins.

 

„Dupin war kein Mann von Geduld, ganz und gar nicht“.

 

Was vor allem seine Kollegen zu spüren bekommen, allen voran der (ebenfalls bestens dargestellte) ehrgeizige Kadeg (wie alle andren Nebenfiguren auch, selbst die, die nur „telefonisch zugeschaltet“ werden). Getragen vor allem wird Dupin als „Fremder“ von seiner Assistentin (und besten Verbündeten gegen Polizeipräfekten und jedem anderem Unbill) Nolwenn, die ein fast telepathisches Verständnis für ihren Chef entwickelt hat und ihn zudem, sachte, natürlich, mehr und mehr in das „innere“ Leben der Bretagne einführt. Ein Kunstgriff, der es Bannalac ermöglicht, auch dem Leser diese faszinierende, raue Gegend Frankreichs plastisch vor Augen zu führen und die hohe Individualität der Menschen dort herauszustellen.

 

Ein intelligenter Mord, bei dem das Töten dem Meer überlassen wurde, ein Geflecht von Feindschaften und Unterstützungen, ein Kampf auch des Idealismus und Liebe zum eigenen, freien Leben in einzigartiger Natur gegen die Gier der Profitmacher, viele Verdächtige ohne wirklich konkret etwas in die Hand zu bekommen und die ständige Notwendigkeit für den koffeinsüchtigen Kommissar, ungeliebte Boote besteigen zu müssen und sich gar mitten im Meer gedankenverloren wiederzufinden würzen diesen überzeugenden Kriminalroman.

 

Ein Kommissar im Übrigen, der sich klar von anderen „Serienermittlern“ der Kriminalliteratur absetzt, dessen verkorkstes, schüchternes Liebesleben samt Beziehung zur eigenen Mutter ebenso humorvoll und charakterlich passend im Buch dargestellt werden, wie seine ganz eigene Ermittlungsmethode. Auch sein „Ausweichen“ durch einfaches „Vergessen“ von Anrufen stellt Bannalac ebenso glaubwürdig in den Rau, wie die individuellen Eigenarten der Segel- und Tauchgemeinschaft auf den Glenan-Inseln.

 

Samt überzeugendem Fall bietet Bannalac eine unterhaltsame und intelligente Lektüre, die ganz nebenbei dem Leser große Lust auf die Bretagne macht. Und diesen besonderen Landstrich auch Lesern plakativ näherbringt, die noch nie dort waren.

 

M.Lehmann-Pape 2013