Kiepenheuer und Witsch 2015
Kiepenheuer und Witsch 2015

Jesper Stein – Weissglut

 

Verbissener Ermittler

 

In bestem Zustand ist Axel Stehen bei Weitem nicht. Schon seit Jahren, wenn er ehrlich ist. Einer, dem die Gefühle durchgehen, auch wenn er sich manches Mal mühsam zu beherrschen versteht.

 

Einer, der intensiv auf seinen Herzschlag hört und achtet, aus Sorge um einen Herzinfarkt (was bei seinem Lebenswandel nicht ganz von der Hand zu weisen ist).

 

Einer, der die Trennung von seiner Frau und damit auch in weiten Teilen von seiner Tochter Emma ebenso noch verarbeitet, wie die Tatsache, dass der Vizepolizeidirektor Jens Jenssen der „Neue“ an der Seite seiner Frau ist.

 

Alkohol, Haschisch in  erklecklicher Menge, das bringt ihn aktuell durch die Tage. Ein Zustand, der nicht unbedingt zu seiner Beliebtheit unter den Kollegen beiträgt, neben seinen ständig offenen Worten, seiner arrogant wirkenden Art und seiner Verbissenheit, die Freund und Feind gleichermaßen fordert.

 

Und dennoch zieht dieser Axel seine Schlüsse. Anders als die anderen, Sieht Verbindungen, wo andere nicht hinschauen (oder nicht hinschauen wollen). Und kommt jemandem auf die Sour, den es offiziell in Dänemark einfach nicht gibt: Einem Serientäter.

 

Aktuell ist eine junge Frau brutal vergewaltigt worden und Steen sieht mehr und mehr alte Fällte, in denen das gleiche Schema vorliegt. Darunter den einen Fall, der ihn fast den Verstand und letztendlich doch die Ehe gekostet hat.

 

Marie, die vor vier Jahren tot aus einem kleinen See mitten in der Stadt geborgen wurde. Ein Fall, in den Stehen sich manisch hineingesteigert hatte und den er dennoch nicht lösen konnte.

 

Doch nun sieht er Licht am Ende des Tunnels. Licht, das noch mehr Opfer kosten wird. Ermittlungen, die ihn enger mit Jenssen zusammenführen werden, als er das je wollte.

 

Ein „kaputter Ermittler“, das ist nicht unbedingt neu in der aktuellen Thrillerliteratur (in der selbst James Bond begonnen hat, vor psychischen Abgründen nur zu strotzen). Und auch wenn es Stein gelingt, seinem Axel Steen besondere Züge und eine ganz eigene Art mit auf den Weg zu geben, überraschend neu ist weder der „Abgrund im Ermittler“ noch die Struktur des Falles, den Stein vor den Augen des Lesers entfaltet.

 

Andererseits erzählt Stein durchaus mit Tempo und, an den entsprechenden Stellen, auch mit harter Action (wobei der Schluss des Buches hier vor allem im Verhalten Steens unrealistisch zu weit geht). Die überraschenden Wendungen, die zur Auflösung der Fälle dann führen werden, wirken am Ende etwas künstlich gestaltet und bieten neue Wendungen und Hintergründe, die lange Zeit im Buch nicht unbedingt angelegt waren.

 

Unterhaltsam allerdings ist dieser neue Fall von Axel Steen durchaus und bietet durchaus ausgereifte, spannende Szenen (mit einem mittlerweile leicht „Fußlahmen“ Ermittler), wenn auch die ein oder andere Länge und die zu abrupte Auflösung nicht vollständig befriedigen.

 

M.Lehmann-Pape 2015