Ullstein 2018
Ullstein 2018

Jo Nesbo – Durst

 

Großartig von vorne bis hinten

 

„Etwas ragte aus seinem Hals. Es sah aus wie ein Strohhalm aus Metall. Aus der Spitze tropfte es rot in das Waschbecken“.

 

Sei es die Geschichte an sich (die eines wohl erst „neuerdings“ „Vampiristen“, der Harry Hole durchaus bekannt ist (und umgekehrt). Und die eines großen Ehrgeizes (nicht nur bei einer Person, wie sich herausstellen wird). Und die großer Liebe (mit Gefährdungen). Aber auch die von Besessenheit auf allen Seiten, die allerdings zwischen den verschiedenen Protagonisten anders gelagert ist und ganz anderes zum Ziel hat), die Nesbo verschachtelt, aber nie wirr, ruhig, aber nie langsam, griffig aber nie oberflächlich erzählt.

 

Seien es die Personen, und zwar durchweg, für die Nesbo sich Zeit nimmt, diese aber weniger mit langwierigen „Bohrungen“ in der Vergangenheit versieht, sondern glänzend die Brüche der Personen, die Leidenschaften, Antriebskräfte, Strategien, deren Egozentrik auf der einen, aber auch deren Verbundenheit auf der anderen Seite als aktive Handlungen aufzuzeigen versteht, beides ist im Gesamten einfach glänzend gelöst, unglaublich spannend geschrieben und, an den entsprechenden Stellen, auch mit konsequenter Härte (auch was Sympathieträger angeht) „blutig“ verfasst.

 

Von der ersten Seite an, schon bei der Vorstellung jenes gezackten, schwarzen Mordwerkzeugs, kann der Leser das Buch kaum aus der Hand nehmen. Denn keine Spur, keine Indizien, am Ende keine Ahnung ist es, was der Mörder hinterlässt. Nur, dass ohne Skrupel und scheints mit intensiver Lust an dem, was er tut, vorgegangen wird.

 

Kein Wunder, dass Harry Hole aus dem Ruhestand geholt wird. Kein Wunder auch, dass gerade eher mit seiner manischen Verbissenheit, sobald er beginnt, zu ahnen, wer hinter den Verbrechen stecken könnte, keine Ruhe mehr gibt oder sich lässt.

 

Bis auch eher privat mit hineingezogen wird, bis auch seine persönliche Welt ins Wanken geraten wird.

 

So viele Ideen und Wendungen, Überraschungen, Ohnmacht bis hin zu später diversen Spuren, die den Leser hochgradig beschäftigen werden, bietet Nesbo in seinem neuen Thriller auf, dass es fast für mehrere Werke reichen würde. Und dennoch wirkt nichts überladen oder überflüssig.

 

Selbst der Schluss, der im ersten Anlauf eben nicht den Schluss markiert, sondern zu weiteren Enthüllungen führen wird, sitzt und passt wie angegossen auf diese Geschichte um Harry Hole, seine Geliebte, seinen fast Stiefsohn, seine alten Freunde (von denen es einen im Werk besonders hart treffen wird), sein handverlesenes Team, Nesbo kreiert eine realistische Bedrohung, öffnet den Blick für die Schwächen (und Stärken) seines Personals, lässt deren Ängste und Hoffnungen offen vor Augen treten und das ganze mit stets hohem Tempo.

 

„Ja, es ist ein Fluch. Wir tun das, wozu wir zu gebrauchen sind“. Sogar, oder gerade dann, wenn man hasst, was man da tut.

„Es ist ein Fluch, wenn man für das, was man liebt, nicht gut genug ist, wohl aber für das, was man hasst“.

 

Einfach ist bei diesen Protagonisten auf allen Seiten und bei diesen Ereignissen aber sowieso nichts. Allerdings gut verständlich, emotional mitreißend und, am Ende, mit dem Wissen, dass „da draußen“ immer noch mehr an Bedrohung warten wird.

 

 

Hervorragend.

 

M.Lehmann-Pape 2018