Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Joe R. Lansdale – Dunkle Gewässer

 

Brutale Bedrohung

 

„Der Skunk“ wird er genannt. Jene Figur, die an den „schwarzen Mann“ erinnert. Mit dem man in wilden Geschichten und im Flüsterton Kinder erschreckt.

 

Jener „Skunk“ soll irgendwo in den Wäldern um das Provinznest Gladewater herum hausen. Ein mythischer Auftragkiller soll er sein, der gerne die Hände der von ihm Verfolgten absägt, der nie aufgibt, wenn er einen Auftrag angenommen hat. Aber ob es eine solche verrottete Gestalt wirklich gibt?

 

Sue Ellen glaubt das erst mal nicht, Hat sie auch keine Zeit zu. Denn sie muss sich ihres zudringlichen Vaters erwehren (nie ins Bett ohne Holzscheit) und ihre Mutter ertragen, die Laudanum geschwängert seit Jahr und Tag das Bett nicht mehr verlassen hat (seit Sue Ellen aus dem Gröbsten heraus war).

 

Und nun ist noch das hübscheste Mädchen des Dorfes, May Lynn, tot. Ermordet. An eine Singer-Nähmaschine gebunden in den Fluss geworfen worden. Was keinen der Erwachsenen sonderlich interessiert. Die fischen mit Dynamit oder Strom und würden die Leiche gerne wieder ins Wasser zurückwerfen. Nur Ärger damit, meint auch der örtliche Constable, soweit ihm der Alkoholnebel das vor Augen treten lässt.

 

Sue Ellen, ihr Freund Terry und ihre Freundin Jinx aber sehen das anders. May Lynn wollte ihr Glück in Hollywood machen. Und so beschließen die Freunde, wenigstens ihre Asche nach Hollywood zu bringen. Wofür zunächst die Leiche nach der Beerdigung wieder ausgegraben werden muss. Wozu auch gehört, sich ein wenig Geld zu beschaffen. Aber hat May Lynns Bruder nicht eine Bank überfallen und das Geld in einem Kübel vergraben? Das müsste doch zu finden sein.

 

Allerdings, nicht nur die drei Jugendlichen kommen auf die Idee, sondern auch Erwachsene wären sehr an diesem Kübel interessiert. Und da wird „der Skunk“ ins Spiel kommen. Und manche Hände, ganze Arme verlorengehen, von großen Löchern durch Schrotflinten in Brustkörben ganz zu schweigen. Auch ein Kopf wird abreißen, aber bis dahin ist es noch ein langer, brutaler und von Verfolgung und Panik durchsetzter Weg.

 

Auf die Flucht begeben sich Sue Ellen, Terry, Jinxs und Sue Ellens Mutter, nicht auf eine Reise nach Hollywood. Und weit werden sie erstmal nicht kommen.

 

Eine interessante Motivmischung ist es, die Lansdale in kühler und genau treffender Alltagssprache auf den Weg bringt. Ein Entwicklungsroman in bedrängter Lebenssituation, was die Heranwachsenden angeht, eine interne Bedrohung durch die Härte des Alltages und die, vor allem, harten Männer am Ort, die auch vor der eigenen Tochter nicht zurückschrecken „wenn es juckt“. Die dann offenkundige Bedrohung durch eine Alptraumfigur, die auch Stephen King sich hätte ausdenken können samt einiger fast splatterhafter Szenen (was Hände, Arm und Köpfe angeht), bis hin fast zur Groteske (der Tod im Dornenfeld)

 

Nicht immer hält der Roman sein eingeschlagenes Tempo durch, in Teilen gleitet die Geschichte auch ins Surreale ab. Durchaus aber gut erzählt, die Atmosphäre in der tiefsten Provinz wunderbar sprachlich transportierend und mit einem gerüttelten Maß auch an (blutiger) Spannung. Alles in allem eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013