Piperr 2012
Piperr 2012

Johan Theorin – So bitter kalt

 

Gefährdete Schutzbefohlene

 

Intensiv erzählt Johan Theorin, anders kann man es nicht sagen. Und setzt natürlich genau die rechten Eckpfeiler für seine Geschichte, um diese Intensität der dunklen Seiten des Menschen schon in den äußeren Gegebenheiten sich widerspiegeln zu lassen.

 

Ein einsamer Ort in Schwedens Provinz. Ein Ort unschuldiger Wesen, Kinder, die ihren Erziehern anvertraut werden. So auch dem „Neuen“ im Betrauungsdienst der dortigen Vorschule, Jan Hauger. Ein Mann, der sich diese Stelle nicht unbedingt freiwillig ausgesucht hat, eher seinem „alten Leben“ fliehend, denn es scheint, als hätte dort als Verantwortlicher für Kinder bereits einmal versagt, war wohl  gar selbst am Verschwinden eines seiner ihm damals anvertrauten Kinder beteiligt gewesen.

 

Schon diese Konstellation eines einsamen Ortes, wehrloser Kinder und dunkler Vergangenheit bei einem der Erzieher lässt düstere Ahnungen zu. Theorin erweitert die latente Bedrohung, die sich durch sein ganzes Buch ziehen wird allerdings noch durch die unmittelbare Nähe und direkte Verbundenheit (unter der Erde, wo sonst) zu einer psychiatrischen Einrichtung. Die im allgemeinen Unsicherheiten mit sich bringt und hier, in noch gesteigerter Form, in der Person des dort einsitzenden Mörders Ivan Rössl nun vollends von Beginn an ein Setting in den Raum setzt, das fast nur in klaustrophobischer Spannung sich entfalten kann.

 

Und Theorin enttäuscht in dieser Hinsicht auf gar keinen Fall. Was hier an stetig wachsender Gefahr hinter den Kulissen lauert, was an Entdeckungen über die handelnden Personen einerseits und an Gefährdung gerade für die Kinder andererseits den Raum mehr und mehr einnimmt und wie Theorin dies alles einfließen und sich zuspitzen lässt im Gegenüber der beiden Männer, des Erziehers und des Mörders, das lässt den Leser kaum los im Verlauf der Lektüre.

 

Eine ganz eigene Welt, die Theorin hier kreiert, in der es von Schatten wimmelt, die nicht in schwarz und weiß aufzulösen ist, in der die Personen allesamt nicht schnell und einfach einschätzbar vorliegen und eine Geschichte, die erst ganz am Ende die wahren Verhältnisse und wahren inneren Befindlichkeiten aufzeigen wird. Verhältnisse, innerhalb derer das Schlechteste am Menschen sich brutal, gemein und einfach „bitterkalt“ Raum und Platz sucht (und diesen finden wird). Geschrieben und eigentlich fast „abgearbeitet“ an einem Protagonisten, der in vielfacher Hinsicht vom Leser über den gesamten Raum des Buches entdeckt werden muss.

 

Jan Theorin ist ein selten dichter, hoch spannender und in sich schlüssiger Thriller gelungen, der von der ersten bis zur letzen Seite fesselt.

 

M.Lehrmann-Pape 2012