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John Harvey – Der Kinderfänger

 

Mitten aus dem Leben gerissen

 

Detective Inspector Charlie Resnick ist mittlerweile ein Begriff für John Harvey Leser.

Der lakonische Polizist, der sich an den Samstagabenden schwierigen Entscheidungen gegenüber sieht: Verbleiben zu Hause mit dem Wunsch, er wäre in den Club gegangen oder in den Club gehen mit dem Wunsch, besser zu Hause geblieben zu sein?

 

Doch allzu lange wird er sich in seinem, seit der Trennung von seiner Frau, darnieder liegenden Privatleben mit solch niederen Entscheidungen nicht plagen müssen.

Gloria Summers, 6 Jahr alt, ist verschwunden. Einfach so, zur Mittagszeit. Trotzdem Resnick sofort tätig wird, kann nur noch ihre Leiche gefunden werden. Und dann verschwindet Emily, ebenfalls 6 Jahre alt.

Fieberhaft beginnen die Ermittlungen, ein Kopfgeld wird ausgesetzt, die Öffentlichkeit verfolgt seine Ermittlungen und zudem gibt es keine Spuren. Allerdings im Verlauf der Geschichte eine Reihe von Verdächtigen.

Welche Rolle spielt der Metzger Raymond, der in den Straßen der Großstadt bei den Frauen wenig Beachtung findet und sein Selbstbewusstsein aus dem Messer in seiner Jackentasche schöpft? Hat die psychisch labile Mutter Emilys etwas zu verbergen? Indizien, Spuren und Fragen, die bis zum ernüchternden Ende des Buches offen bleiben und den Leser, wie bei Charlie Resnick Krimis gewohnt, in Atem halten.

 

John Harvey ist ein Künstler darin, traumwandlerisch sicher mit wenigen Worten und kurzen Skizzierungen die Charaktere seiner Figuren zu beschreiben und diese damit realitätsnah  erscheinen zu lassen. 

 In gleicher Weise gelingt es ihm immer wieder, ein Bild der "anderen" Seite des Lebens zu entwerfen, die wenig zu tun hat mit den Partys und Lebensstilen prominenter Menschen, die uns die bunten Blätter gerne vor Augen führen.

Eindringlich an der Figur des Raymond, die Harvey als zweite Hauptfigur parallel zum Geschehen um Charlie Resnick herum gestaltet,  wird ersichtlich, wie trostlos es an vielen Orten des alltäglichen Lebens und Nachtlebens zugeht, wie sehr Gewalt aus dem Moment heraus als Blitzableiter dient und ohne jeden Grund plötzlich im Raume steht.

 

Fast erlebt man sich selber als Gast an der Seite Charlie Resnick, wenn die entmutigende Stimmung im "polnischen Club" geschildert wird.

 

 Harveys Figuren sind dabei nicht eindimensional beschrieben, sondern leben mit Brüchen, mit unerfüllten Sehnsüchten. Sein Charlie Resnick erinnert durchaus an die ebenfalls intensive Ermittlerfigur des "Rebus" von Ian Rankin. Dies alles verwebt Harvey mit seinem klaren, fließenden Stil hinein in die Suche nach dem Mörder der kleinen Gloria, einer Suche, bei der der Leser durchaus in Abgründe menschlichen Daseins schaut, die fesselnd und hautnah beschrieben werden.

 

Die Auflösung, auf vielen gut erzählten kleinen und kleineren Beobachtungen beruhend, wirkt erst im Nachhinein als absolut folgerichtig und logisch, so dass der Leser sich bis zum Ende hin mit Spannung im Unklaren sieht, wer der Täter wirklich ist. So muss ein guter Krimi sein.

 

Temporeich und realitätsnah geschrieben ohne jemals konstruiert oder platt zu wirken. Zu empfehlen.

 

M.Lehmann-Pape 2010