Droemer 2010
Droemer 2010

 

John Katzenbach – Der Professor

 

Psychothriller in Reinkultur

 

Niemand vermag die Innenschau seiner Figuren in solch intensiver und spannender Form zu schildern, wie es das Markenzeichen von John Katzenbach ist. Fast könnte man sagen, dass seine Geschichten sich nur im Inneren seiner Protagonisten abspielen, zumindest die unglaubliche Dichte und die Kunst, den Leser mit in seine Figuren hinein zu nehmen ist es, die seine Bücher zu echten Page Turnern machen, die ihren Namen wirklich verdienen.

 

Sein neuestes Buch ist ein Paradebeispiel für diese seltene Kunst. Bis in die letzten Winkel werden die Befindlichkeiten, Motive, die inneren Kämpfe und die mühsamen Ermittlungen nach außen gekehrt. Allein schon die Szene, in der das Opfer sich seiner Situation gewahr wird liefert auf fast drei Seiten (in anderen, ähnlichen Büchern hätte die beschreibende Kraft wohl meist für gerade mal eine halbe Seite ausgereicht) eine Beklemmung sondergleichen, die exemplarisch für die Intensität des ganzen Buches steht.

 

Ein 16jähriger Teenager, Jennifer, gerade dabei, von zu Hause auszureißen, wird auf offener Straße entführt. Der einzige Augenzeug ist Adrian Thomas, Professor, seit kurzem Witwer, Bruder eines Mannes, der sich das Leben nahm, Vater eines Sohnes, der im Irak als Reporter im Gefecht gefallen ist und, vor allem, gerade von seinem Arzt mit der Diagnose der Lewy Körper Demenz konfrontiert, die in rasanter Form und kürzester Zeit seine geistigen Fähigkeiten pulverisieren wird. Adrian wird noch ein letztes Werk nun vollenden, er wird Jennifer finden, sie nicht in den Händen ihrer Entführer belassen. Auch wenn die ermittelnde Polizistin skeptisch ist, auch wenn die Eltern von Jennifer selber einiges an Grund haben, nicht völlig kooperativ zu sein, auch wenn weltweit sexuelle verstörte Menschen vor Ihren Computern das Leiden Jennifers gegen teures Geld verfolgen, Adrian Thomas wird nicht lockerlassen.

 

I Blick auf diese Hauptfigur wird wiederum die ganze verwickelte Innen-Außen Kunst Katzenbachs deutlich. Die größte Hilfe erhält der Professor nämlich im Zwiegespräch mit seinen geliebten Verstorbenen. Sind es nur Halluzinationen, dass seine Frau wie ein Geist oft neben ihm auftaucht und ihn motiviert, weiter zu machen? Dass sein smarter Bruder, der sich erschossen hatte, die Ermittlungen immer wieder durch intelligente Hinweise auf neue Spuren bringt oder dass sein getöteter Sohn ihn mitnimmt in die Situation des Kampfgeschehens, um ihm grundsätzlich etwas über das Leben klar zu machen, alles nur Einbildungen oder doch echte Geister? Zumindest verlegt Katzenbach einen nicht unwesentlichen Teil der Aufklärungsarbeit des Kidnappings in die innere Welt des Professors. Auf diese Weise gelingt es ihm in unnachahmlicher Weise, den Leser mit hinein zu nehmen in die Welt seiner Protagonisten.

 

Dieses Stilmittel hält Katzenbach im Blick auf jede seiner Figuren durch. Die Entführer treten daher genauso nahe und plastisch in den Raum wie das Opfer, wie die weltweiten Voyeure und die anderen Beteiligten am Fall. Eine schmutzige Welt ist es, in die John Katzenbach seine Geschichte verlegt. Eine Welt voll sexueller Degeneration und moralfreier Erheiterung, voller Profitstreben und skrupelloser Tötungsabsichten. Eine Welt, in der es das Gute schwer hat, durch eigene Verluste und eigene Mängel gehandicapt ist und dennoch mühsam und kraftlos nicht locker lässt.

 

John Katzenbach ist wiederum ein intensives und dichtes Psychogramm einer verstörten Welt gelungen, in der er seine handelnden Figuren aller Seiten fast dreidimensional entgegen treten lässt. Das Buch hat absolute Klasse.

 

M.Lehmann-Pape 2010