Droemer 2012
Droemer 2012

John Katzenbach – Der Wolf

 

Wenn Märchen wahr werden sollen......

 

Er ist gealtert. Schriftsteller gibt er als Beruf an, obwohl seine paar kleineren Thriller schon lange in Vergessenheit geraten sind. Er ist aber noch mehr. Denn auf seinem Weg liegen Leichen. Für deren Tötung er nie verdächtigt wurde.

 

Alles schon eine Weile her. Und das ist schwierig zu ertragen für ihn, denn „er hasste es, in Vergessenheit zu geraten“. Und so schreibt er seinen neuesten, perfiden Plan nieder. Für später. Damit alle es lesen können und sich an ihn erinnern werden.

 

Nicht das „geschönte“ Ende des alten Märchens von Rotkäppchen legt er dabei zugrunde, sondern die alte, erste, ursprüngliche Fassung. Jene, die mit dem „Sieg des Wolfes“ endet. Und gleich drei „Rotkäppchen“ hat er ausgewählt. Drei Frauen mit tiefroten Haaren. „Rot 1, Rot 2 und Rot 3“ in der Terminologie des Wolfes.

Völlig verschiedene Frauen und Persönlichkeiten. Eine Ärztin, eine verzweifelte und dem Alkohol ziemlich ergebene Witwe und eine Schülerin, die unter der Trennung ihrer Eltern leidet (wozu die Eltern durchaus intensiv beitragen). Allen Dreien sendet er einen einfachen Brief mit der Ankündigung, dass sie sterben werden.

Personen, die Katzenbach, wie auch den „Täter“ und dessen Frau, überzeugend „alltäglich“ schildert und in ihrer inneren „Verfangenheit“ in das Geschehen präzise darstellt.

 

Innerhalb weniger Seiten gelingt es John Katzenbach, durchaus eine knisternde Situation zu schaffen, aus der heraus sich, je wechselnd zwischen den Perspektiven des „Wolfes“, jeder der drei Frauen und der „Frau des bösen Wolfes“ ein über lange Strecken intensives „Katz und Maus“ Spiel entwickelt. Vor allem die innere Entwicklung der drei „Opfer“, die keinen Bezug zur Bedrohung herzustellen vermögen, die lange völlig im Dunkeln tappen und in denen sich beständig mehr die Furcht ausbreitet, steht im Mittelpunkt dieses neuen Thrillers.

 

Nicht nur aber die inneren Befindlichkeit versteht Katzenbach durchaus, drängend in den Raum zu setzen, auch äußere Spannung vermag er durchaus zu erzeugen (leider in diesem Buch zu selten). Wie er auf 3-4 Seiten eine der Frauen aus ihrem Badezimmer, die vermeinte, ein Geräusch zu hören, durch ihr Haus „begleitet“, fängt den Leser stark mit ein in die Situation der fast Panik, die Schritt für Schritt und Raum für Raum im stillen Haus sich in der Ärztin Karen ausbreitet. Denn hinter jeder Tür könnte er lauern, der „Wolf“.

 

Wobei zu konstatieren ist, das Katzenbach die intensive Atmosphäre seiner Geschichte nicht überall und gerade nicht zum Ende des Buches ganz aufrecht erhalten kann. So gelungen manche der Bedrohungen der Frauen zwischen Resignation und Kampfeswillen sich steigernd im Buch vorfinden, manches ist doch einfach langatmig geschildert, zudem, gerade auch  der „Show-Down“ ist zwar actionreich, aber nicht unbedingt zwingend logisch und mit großer Spannungsintensität geschildert. So liest sich das Ende des Buches doch recht schnell und wenig emotionsreich. Was allerdings der klug beobachteten Entwicklungen, dem Wechsel der Rollen zwischen Jäger und Opfern und der Änderung der inneren Haltung der drei Frauen im Mittelteil des Buches keinen Abbruch zufügt.

 

Ein durchaus anregender Thriller, der mit der ein oder andern Länge zu kämpfen hat und zum Ende nicht hält, was er an Atmosphäre und Spannung über lange Strecken aufgebaut hat.

 

M.Lehmann-Pape 2012