Ullstein 2010
Ullstein 2010

 

John le Carré – Verräter wie wir

 

Grauzonen des Geldes

 

Mit unerschöpflicher Kreativität und Energie wendet sich John le Carré seit Jahren immer wieder aktuellen und brisanten Themen zu. So auch in seinem neuen Roman. Diesmal rückt er die internationale, organisierte Geldwäsche großen Stils in den Mittelpunkt des Interesses.

 

Le Carré wäre dabei nicht le Carré, wenn sich dieses Thema nicht umfangen von einer spannenden Geschichte und glaubwürdigen Charakteren getragen wiederfinden würde.

Sicher ist die Ausgangssituation zweier der Hauptfiguren des Buches ein wenig weit hergeholt. Nicht, dass eine Lust auf ein anderes Leben und eine angehende Unzufriedenheit mit dem gewohnten Alltag nicht weit verbreitet wäre, darin sind Gail und Perry nichts Besonderes. Wohl aber gelingt es wenigen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind, mit einem der mächtigsten Mitglieder der russischen Mafia in eine Tennismatch zu geraten und noch weniger wahrscheinlich ist es, dass dieser mächtige Mann nach einer kurzen Weile bereits einen eher Fremden wie Perry anfragt, seine Flucht vor der Mafia und zum britischen Geheimdienst hin mit zu unterstützen.

 

Setzt man diese Situation aber einfach als gegeben an und hinterfragt die schriftstellerische Fantasie des Autors nicht weiter, dann eröffnet sich auf gut 400 Seiten ein fulminantes Buch, getragen von den entscheidenden Stilelementen, die einen guten Thriller (und seit Jahren die Bücher von le Carré) ausmachen. Ein perfektes Timing der Ereignisse zwischen tiefer reichenden Betrachtungen und spannungsgeladenen Situationen, überzeugende und schattiert dargestellte Charaktere und ein realistisches Szenario als Grundidee des Romans. Dies alles gepaart mit einer flüssigen, verständlichen und doch nicht simplifizierenden Sprache setzt eine Menge an Lesevergnügen in den Raum. Da le Carré diesmal seine Geschichte aus den wechselhaften Perspektiven seiner Protagonisten erzählt, ergibt sich zudem ein breiter Eindruck der Geschehnisse und ein Puzzle, dass sich im Kopf des Lesers zusammen setzt.

 

Gerade der Umgang mit seinen handelnden Figuren setzt in diesem Buch besondere Maßstäbe. Dima, zuständig für die Geldwäsche in seiner Organisation ist einerseits hochgradig abstoßend entfaltet (allein schon seine Physis, eindrucksvoll beschrieben, spricht Bände), anderseits mit einer differenzierten Geschichte versehen, die manches erklärt und schließlich ist er doch auf dem Weg der Läuterung, oder geht es ihm nur um Überleben in einem anderen System? Gail und Perry bekommen, was sie eigentlich wollten eine echte Veränderung, aber ob sie sich das so gefährlich vorgestellt haben? Und der britische Geheimdienst bekleckert sich mal wieder selten mit Ruhm, erstarrt in seinen bürokratischen Vorgaben, wie er sich im Buch darstellt.

 

So sind die Weichen gesetzt für das gefährliche Doppelspiel Dimas und dem Versuch der anderen Beteiligten, die Organisation entscheidend zu treffen. Bis zu den letzten Seiten des Buches hin hält le Carré den Ausgang seiner Geschichte dabei völlig offen und taucht den Leser so in ein beständiges Wechselbad der Gefühle zwischen den Mahlsteinen des Kampfes für die gute Sache und der Korrumpierbarkeit der Menschen, der man normalerweise eher hilflos gegenübersteht.

 

Hervorragend geschrieben, intensiv dargestellt mit Protagonisten, denen John le Carré eine erkennbare Tiefendimension mit auf den Weg gibt, stellt das Buch einen hervorragenden Thriller mit Qualität zu dem hochaktuellen Thema der Geldwäsche im großen Stil dar.

 

M.Lehmann-Pape 2010