Ullstein 2014
Ullstein 2014

John le Carré – Empfindliche Wahrheit

 

Souverän, intelligent und „very britisch“

 

Auch wenn in diesem neuen Roman des Altmeisters weder MI5 noch MI6 eine Rolle spielen, so ganz kommt le Carré nicht los von der Welt geheimer Operationen, intriganter Machtmenschen, geldgieriger und skrupelloser Drahtzieher und dem ein oder anderen mit seinem Gewissen noch kämpfenden, innerlich aufrechten und dabei alte, „englische“ Werte aufrecht haltenden Menschen.

 

Welche Wohltat zudem, von der sprachlichen Gestaltung bis zu der gelungenen Darstellung aus verschiedenen Perspektiven (wobei der rote Faden immer im Blick bleibt) einen intelligent und realistisch konzipierten Thriller zu lesen, in dem le Carré den Leser nicht mit jeder Menge fliegenden Kugeln, seitenweisen Kollateralschädeln sowie sportiven, muskulösen und „unbesiegbaren“ Helden beschäftigt (auch wenn es Tote gibt).

 

Sondern in dem der Autor, wieder einmal, fein gesponnen, die Frage nach Gut und Böse, nach dem Bedürfnis, sich selbst im Spiegel noch ansehen zu können und sich nicht von der „großen Welle“ der Macht und des Geldes unterspülen zu lassen, in den Mittelpunkt stellt.

 

Und es ist ein realistischer Hintergrund, warum in der Moderne, nachdem ja so ziemlich alles, was verbogen werden kann und jede Menge Geld einbringt, „privatisiert“ worden ist (sprich, aus der politischen Verantwortung in die Hand rein marktorientierter Mächte gelegt wurde, die sich dann bei entsprechendem Reibach natürlich sehr generös zeigen werden), nicht auch der Geheimdienst und dazu gehörige „Kommandounternehmen“ privat finanziert und durchgeführt werden sollten.

 

Das passiert. Nur nicht so, wie es die Geldgeber und die beauftrage Firma sich ausgerechnet haben. Was kaum einem weitere Kopfschmerzen bereitet. Das bisschen, was da unter der Treppe daneben gegangen ist, interessiert nun wirklich die „wichtigen“ Leute nicht weiter.

 

Vielleicht aber die Unwichtigen? Den „Unterflieger“ aus der Regierungsbürokratie, handverlesen, danach ausgesucht, keinen Ärger zu machen (hat der nicht genug mit seiner kranken Frau zu tun), keinen Ehrgeiz zu entwickeln und rein als Deckblatt zu gelten.

Oder den bis dato redlich seinen Dienst versehenen Soldaten „Und diese ehemals so wachen Augen schienen all ihre Flinkheit eingebüßt zu haben“)?

Oder den Protege eines gut vernetzen Strippen-Ziehers („Der Ehrgeiz, der Toby angetrieben hatte. War keiner, den er weiter hinterfragt hätte“)?

 

Wären etwa solche Randfiguren bereit, ihre Wohl, ihre Pfründe, ihre Aussichten aufs Spiel zu setzen für eine kleine Randnotiz im Mittelmeer? Und wenn ja, warum? Und wie wird ihnen das Bekommen, bei dem, was da alles gegen sie stehen wird?

 

„Er war ein Geist, ausgebrannt. Konnte kaum Messer und Gabel halten“.

 

Wegen so wenig? In den Augen zumindest des aufstrebenden Staatsministers?

 

 

Das sind die den Leser in den Bann ziehenden Fragen dieses hervorragenden Thrillers, der eine uneingeschränkt lesenswerte Lektüre darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2014