S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Jonathan Freedland – Intervention

 

Geheime Elite-Forschungen

 

Nicht nur die Machthaber des dritten Reiches gingen in den Jahren kurz vor und zu Anfang des zweiten Weltkrieges bereits sehr geheimen und nicht sonderlich moralischen Forschungen nach, auch auf vor allem amerikanischer Seite gab es Haltungen im Verborgenen, die für deutlichen Aufruhr gesorgt hätten, wären sie öffentlich bekannt geworden.

 

Forschungen, ein geheimes Projekt, dem der Psychologie-Professor James Zennor in Oxford eher ungewollt und durch ein schmerzhaftes „Liebeserleben“ auf die Spur kommen wird.

 

Zennor, ein Mann mit verletzter und nie ganz wieder geheilter Schulter, ist bereits in innerem Ungleichgewicht, weil alle seine Versuche, seinem Land im Krieg gegen den Faschismus zu dienen, bisher nicht erhört wurden. „Ausgemustert“, so fühlt er sich.

 

Er, der doch schon 1936 in Spanien überzeugt und unter Einsatz seines Lebens den Faschismus bekämpfte, er ist einfach zu nichts mehr zu gebrauchen?

 

Innerlich angespannt, durchaus oft nahe daran, in einem inneren Schleier von Jähzorn und Wut die Haltung zu verlieren.

 

Sein einziger wirklicher Halt des ehemaligen Modellsportlers, der einzig wirkliche Wert in seinem Leben ist Florence, seine Frau, ehemalige Leistungsschwimmern, Olympiateilnehmerin und ebenfalls Wissenschaftlerin, wie er. Und sein kleiner Sohn Harry.

 

So wundert es nicht, dass Zennor völlig die Fassung verliert, als er eines Tages von seinem morgendlichen Rudertraining zurückkehrt und das Haus leer vorfindet. Frau und Kind verschwunden. Haben sie ihn verlassen ob seiner inneren Zerrissenheit und Distanz gerade zu seinem Sohn? Wurden die beiden entführt? Wohin überhaupt können sie verschwunden sein?

 

Zennor lässt nichts unversucht und findet eine Spur, die nach Amerika, in die weltbelkannte Yale Universität führt. Aber nicht nur in ein anderes Land geht sein Weg, auch hinter die Kulissen einer gefühllosen, rein rational begründeten geheimen Forschung. Mit der Florence und sein Sohn irgendetwas nicht wirklich Greifbares zu tun haben.

 

Und er wird feststellen, dass an dem ganzen Geschehen um das Verschwinden von Frau und Sohn wenig zufälliges ist und auch er schon lange im Blick der Hintermänner sich befindet.

 

„Sie sind da über etwas viel Größeres gestolpert, als ihnen klar ist. Es ist größer und gefährlicher“.

 

So groß, dass über Leichen gegangen wird, Zennor unter Mordverdacht gerät und einen weiten Weg bis zu „Wolfs Head“ gehen wird. Was immer sich dahinter verbergen mag.

 

Seine grundlegend journalistische Ausbildung und Arbeitsweise ist Jonathan Freedland auch in diesem Thriller deutlich anzumerken. Fundiert recherchiert legt ein Projekt und Programm des zweiten Weltkrieges zum Mittelpunkt der Ereignisse, in dem die Zweischneidigkeit der „rein rationalen“ Wissenschaft aufzeigt, was passiert, wenn Ethik und Moral als Komponenten menschlicher Kultur nicht mehr mit bedacht oder „mit gefühlt“ werden. Wenn der Krieg auch von „Opferseite“ her (jenen, die angegriffen werden) nicht nur negativ, sondern in seinen möglichen „Früchten“ als „nützlich“ betrachtet wird.

 

Das legt Freeeland intensiv und interessant als Frage dem Leser vor Augen.

 

Was allerdings die emotionale Dichte angeht, das Hereinziehen des Lesers in die Personen und in die Gefahren- und Spannungsmomente, da verbleibt Freeland im Stil letztlich zu kühl, zu rein berichtend und äußerlich beschreibend (auch wenn er teils ausgiebig versucht, innere Verzweiflung in Worte zu gießen), als dass der Leser inmitten des Geschehens auch emotional ankommen könnte.

 

 

Interessant, informativ, gradlinig und unterhaltsam aber allemal, wenn auch der letzte Kick an Leseenthusiasmus sich nicht einstellen will.

 

M.Lehmann-Pape 2014