C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Joseph Kanon – Die Istanbul Passage

 

Intelligenter und atmosphärischer Thriller

 

Eigentlich ist kurz nach dem Krieg die Gemengelage wesentlich verworrener als noch zu Kriegszeiten.

 

Istanbul war Sammelbecken und Treffpunkt aller Parteiungen. Geheimdienste gaben und geben sich die Klinke in die Hand, Geschäfte wurden und werden dort zwischen allen Beteiligten abgewickelt.

 

Doch aus Freunden werden Feine, aus Feinden Freunde oder zumindest schützenswerte Informanten und Geheimnisträger.

 

Und mittendrin jene, die der jüdischen Gemeinde nach Palästina verhelfen wollen. Nicht gern gesehen von manchen Staaten. Schrottkähne, überfüllt und im Geheimen werden auf den Weg gebracht und noch lange nicht jedes der Schiffe kommt überhaupt so weit, von Kriegsschiffen aufgebracht zu werden, vor weniger, Palästina zu erreichen. Eine unüberschaubare Zeit auch voll von Unglück und der Notwendigkeit, sich zu orientieren, die Kanon überzeugend in Worte zu fassen versteht.

 

Leons Frau Anna ist da nur eines der Opfer der Zeit. Ein besonderes, sicherlich, denn ein Träume hat sie in eine Art Wachkoma gebracht. Eines „ihrer“ Schiffe hat Feuer gefangen. Frauen, Männer, Kinder, alle tot.

 

Was Leon nicht nur erschüttert, sondern mehr und mehr in eine Zwickmühle bringt. Denn, so intensiv die Zeit auch war, die Geheimdienste machen sich auf, Istanbul zu verlassen und auch die Konzerne verlagern ihre Geschäfte an andere Orte.

 

Leon handelt mit Tabak. Und mit Informationen. Er ist ein Bote des amerikanischen Geheimdienstes. Weniger ob der Entlohnung, mehr gegen die unglaubliche Langweile und Routine seiner Zeit und Tätigkeit in Istanbul hat er sich dazu bereitgefunden.

 

Und nun? Die Frau kaum transportfähig, für den Geheimdienst winkt nur noch ein letzter Auftrag und auch der Tabakkonzern macht deutlich, dass Leons Zeit in Istanbul abläuft.

 

Gedanken, die ihm kommen. Gefühle, Befindlichkeiten nach einem Jahrzehnt in der türkischen Metropole, die Joseph Kanon bestens ins Bild zu rücken versteht. Assoziative Gedanken lässt er hier und da in den Köpfen seiner Protagonisten kreisen, Orte und Gassen, Stimmungen und auch das Unübersichtliche der Situation und Istanbuls rückt er ins Licht.

 

Ohne dabei zu sehr zu „kreisen“. Die Vermittlung der inneren Stimmung der Personen und der Atmosphäre der Zeit kurz nach dem Krieg geht nicht auf Kosten des Tempos der Handlung, die Kanon ebenso klar vorantreibt und damit wieder einmal seinem gewohnten und guten Stil entspricht.

 

Der letzte Auftrag ist ein Personentransport. Mit Mihail, seinem rumänischem Vertrauten. Ein Treffen, das schief geht. Leon und Mihail geraten unter Beschuss und werden erst später erfahren, gegen wen sie sich eigentlich zur Wehr gesetzt haben.

 

Nicht so lange dauert es, bis vor allem Mihail erkennt, wen sie da in Empfang nehmen und als Überläufer unter Schutz zu nehmen haben. Ein Wissen, dass Mihail bis an die Grenzen der inneren Belastbarkeit führen wird und das Kanon in einem kurzen, intensiven Monolog auf den Punkt bringt, von außen und von innen. Nicht nur hier zeigt sich hohe Qualität seines schriftstellerischen Könnens, Gedanken und Ereignisse, Rückblenden und aktuelle Gefahrenlagen zu verdichten und den Leser damit emotional mit hineinzuziehen in die Ereignisse und Personen des Romans.

 

Ein Schusswechsel und folgende Ereignisse, die im Übrigen vor allem für Leon mehr und mehr die Situation eng werden lassen. Er gerät ins Fadenkreuz nicht nur einer Interessensgruppe.

 

 

Spannend, intensiv in der atmosphärischen Schilderung und emotional dicht bildet der Roman eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014