Mira 2011
Mira 2011

Joshua Corin – Herr Erbarme Dich

 

Unterhaltsamer und spannender Thriller

 

An Toten lässt es Joshua Corin in seinem ersten Thriller nicht mangeln, beileibe nicht.

Gleich dutzendfach und äußerst kühl lässt „Galileo“, der anonyme Scharfschütze, Angestellte des öffentlichen Dienstes ihrem Schöpfer gleich gruppenweise gegenübertreten. Nicht in seinen Augen übrigens, mit dem Schöpfer hat er es nicht so, aber in den Augen vieler der Opfer wohl schon, soweit Amerika eben ein Land ist, in dem Gott eine große Rolle spielt.

 

Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, FBI Agenten, nichts und niemand scheint vor ihm sicher, nichts und niemand hat lange Zeit auch nur den geringsten Anhaltspunkt. Nichts und niemand außer Esme vielleicht, Ex-FBI Agentin, nunmehr Ehefrau und Mutter, die ihrem ehemaligem Mentor Tom Piper bereitwillig zunächst zur Seite steht bei der Jagd auf den Killer. Zunächst jedenfalls, bevor sich ein erstes Mal die Ereignisse im Buch überschlagen werden.

Denn der Killer verfolgt einen klaren Plan und wird offenkundig nicht ruhen, bevor seine Forderungen, die ihrem Adressaten bewusst vorenthalten wurden, nicht erfüllt werden.

 

Trocken, in klarer Sprache und schnörkellos bringt Corin hierbei seine Geschichte voran. Er verzichtet dabei nicht auf die Darstellung des notwendigen Hintergrundes seiner Figuren und gräbt dabei durchaus auch mal tiefer in der Vergangenheit. Im Gegensatz zu manch anderem Thriller wählt Corin hierfür jedoch einen eher beiläufigen, jeweils in die voranschreitende Handlung eingebetteten Stil, der den roten Faden und das Tempo der Geschichte weder stört noch aufhält. Ein wohltuender Stil deshalb, weil in manch anderen Thrillern gerade die Darstellung der Figurenhintergründe doch oft zäh und langatmig Seite für Seite in Anspruch nehmen und dabei in Gefahr laufen, den Leser im roten Faden der Geschichte zu ermüden oder gar zu verwirren. Dies ist in „Herr Erbarme Dich“ nun wirklich nicht der Fall.

Zudem versteht es Corin durchaus, Spannung zu erzeugen. Gerade da, wo „Galileo“ sich ganz offen zeigt (bei der Verfolgung einer jungen Journalistin durch San Franzisko und anderen Stellen im Buch). Offen, an belebten Orten und dennoch ist ein Entrinnen oft kaum möglich, diese Konstellation sorgt durchweg ebenso für Spannung wie die Kaltblütigkeit des Scharfschützen und die Neigung Corins, auch Sympathieträger im Buch keineswegs aus der Gefahrenzone zu entlassen. Überhelden, die kugelfest jeder Gefahr trotzen, finden sich im Buch nicht. Im Gegenteil, Menschen mit Schwächen, mit sich einmischenden Familien, mit nach außen aufrecht und sauber wirkenden politischen Apparaten, die hinter der Fassade so manches zu verbergen haben, tummeln sich fast im Buch.

 

Natürlich legt Corin weder sprachlich noch inhaltlich Hochliteratur vor, auf der Ebene eines Unterhaltungsromans funktioniert sein Thriller jedoch durchaus über weite Strecken sehr gut. Dass das Motiv des Killers letztlich doch sehr konstruiert und weit hergeholt wirkt, gerade für europäische Leser, dass die großen Überraschungsmomente und inhaltlichen Wendungen weitgehend ausbleiben, das sind kleine Wehrmutstropfen, die das an sich anregende Lesevergnügen aber nur marginal stören.

 

„Herr Erbarme Dich“ bietet solide und spannende Unterhaltung in einem gradlinigem und frischem Sprachstil, der auch das größte Massaker noch trocken und mit Galgenhumor vor die Augen der Leser führt. Mit (noch) leichten Schwächen, die aber dem guten Gesamteindruck nur wenig Abbruch zufügen.

 

M.Lehmann-Pape 2012