dtv 2012
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Jussi Adler-Olsen - Verachtung

 

Carl Morck zum Vierten

 

Wieder wartet Arbeit auf das Sonderdezernat Q unter der Leitung von Carl Morck und wieder ist es ein alter, ungelöster Fall, den Morck zunächst ohne große Motivation oder größeres Interesse angeht. Verständlich, denn wer interessiert sich schon wirklich für das Verschwinden einer Prostituierten, das über 20 Jahre zurückliegt? Es wird eine Weile dauern, bis Morck erkennt, dass dieser Fall eine erschreckende Tiefe in sich birgt.

 

„Dann fragen Sie Nete doch, wie viel Schwangerschaftsabbrüche sie hatte. Fragen Sie sie, wo sie sterilisiert wurde“. Diese Aussage lässt im Prolog der Gynäkologe Wad auf einer kleinen Feier Netes neuem Mann  gegenüber im Raum stehen. Worte mit Folgen. Umgehend und eben auch noch über 20 Jahre später.

 

Als dann langsam klar wird, das um dieses eine Verschwinden herum noch andere Personen verschwunden waren, als langsam deutlich wird, das die Geschichte um Nete Rosen, geborene Hermanson, eine unappetitliche Vorgeschichte hat, da taucht Carl Morck so langsam aus dem Wust seiner privaten Unannehmlichkeiten auf und beginnt, die Fäden auch dieses Falles langsam aufzurollen. Was, kein Wunder im Universum von Jussi Adler-Olsen, kein gradliniger Weg sein wird, sondern Ermittlungen, die von überraschenden Wendungen und ständig neuen Fährten begleitet sein werden.

 

Und die, auch dies ein Markenzeichen von Adler-Olsen, nicht alleine im Fokus stehen. Nebenhandlungen sind, wie auch in den letzten drei Bänden der Reihe, eine nicht zu unterschätzende Würze im Buch, auch um seine Figuren stetig weiter zu entwickeln.

Morcks Privatleben ist ja bereits seit einiger Zeit in gedeihlicher Unordnung und so langsam spitzen sich die Probleme um seine bevorstehende Scheidung, aber auch seine neue Lebensgefährtin zu. Diese scheint sich eher von ihm zu entfernen, denn die neue Beziehung wirklich eng gestalten zu wollen. Zudem ergeben sich, ebenfalls aus der Vergangenheit heraus, Ermittlungen gegen ihn selbst. Erzählfäden, die Adler-Olsen nebeneinander her laufen lässt und die doch beginnen, sich ab einem bestimmten Punkt zu verbinden. Wobei einer dieser „Punkte“ eben jener Curt Wad ist, der damals Nete Rosen brüskierte und in der Gegenwart auf seinen eigenen politischen Erfolg von Rechtsaußen her hinarbeitet.

 

Eine Gegenwart und alte Fälle, die ihre Wurzeln in einem erschütternden Abschnitt dänischer Geschichte finden werden. Wurzeln, die zu einer Insel führen, auf denen als „gestört“ und „schwachsinnig“ geltende Frauen weggesperrt und drangsaliert, gar zwangssterilisiert wurden. So bietet das Buch nach eher langsamem Beginn immer mehr einen Blick auf Verflechtungen, Gewalt und dunkle Seiten des Lebens, der den Leser mehr und mehr in den Bann zieht. Auch durch den hervorragenden Aufbau der Spannungskurve, die Adler-Olsen stetig im Buch entwickelt, wie er übergreifend über die Bände der Reihe immer mehr Details der Persönlichkeiten seiner Protagonisten und deren eigene Entwicklungen aus ihrer Vergangenheit heraus sorgsam weiterführt.

 

Eine intelligent und nicht leicht zu durchschauender Fall, überzeugende Charaktere, verschiedene ineinander übergreifende Erzählebenen und das ganze versehen mit einer stringenten Spannungskurve machen auch den neuesten Fall des Sonderdezernat Q zu einem empfehlenswerten Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2012