C.Bertelsmann 2017
C.Bertelsmann 2017

Kanae Minato – Geständnisse

 

Packendes Setting

 

Von der ersten Seite an zieht der Roman den Leser zunächst durch die klare Sprache umgehend in einen Sog der Ereignisse hinein, ein Sog, der sich steigert, wenn Yoku Moriguchi, Lehrerin, vor ihrer Klasse in scheinbar kühlem, ungerührten Ton zwei Mörder identifiziert.

 

Mörder ihrer Tochter.

 

Wobei, so ganz klar kann man das letztlich auch nicht sagen, denn einer wollte, vollzog aber nicht und einer wollte nicht, tat es aber dann.

 

Was an sich bereits eine interessante Konstellation im Gesamten ergibt, die dem Leser ein um das andere Mal fast Schauern über den Rücken fahren lässt, wenn er sich mehr und mehr, gezogen durch die Worte des Romans, in die Geschehnisse rund um diesen Todesfall an einem kleinen Mädchen hereinziehen lässt.

 

Denn nichts weniger als eine Bestandsaufnahme der modernen Kultur Japans ist es, was Minato letztendlich anhand des konkreten Tötungsdeliktes dem Leser vor Augen führt. Wie in Japan jugendliche Ticken, wie auf der einen Seite Kühle ihnen gegenüber herrscht, auf der anderen Seite andere mit blinder Liebe um jeden Preis geschützt werden sollen.

 

Inklusive Anfragen an die Lehrerin, die Mutter, vielleicht nicht genug aufgepasst zu haben. Und andererseits der lange Zeit offenen Frage, ob denn die Lehrerin nun ernsthaft und subtil ihre Rache einleitet oder mit aller Gefasstheit über den Dingen steht. Denn strafrechtlich dürfte es schwierig werden, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.

 

Das darüber hinaus eine „Exekutionsmaschine“ (in abgespeckter Form) Preise gewinnen kann, dass die Frage von Recht und Unrecht nach hinten durchgereicht wird und Erfolg oder nicht-Erfolg der einzige Maßstab zu sein scheint für manche der Jugendlichen und Erwachsenen im Roman, dass zudem, auch bei der konkreten Tat, verletzte Eitelkeiten eine fast stärkere Rolle zu spielen scheinen als eine persönliche Verderbtheit (und dies im Übrigen auch lange Zeit nach der Tat noch vorrangig zu sein scheint), all das ergibt eine Atmosphäre, die den Leser hin- und herwirft zwischen Verstehen und Ablehnen, zwischen dem Erschrecken vor einer solchen inneren Haltung, in der sich eine ganze Gesellschaft widerzuspiegeln scheint und dem durchaus auch vorhandenen Mitführen mit manchen Eltern im Buch.

 

Das zudem noch die im Vordergrund stattfindenden Ereignisse an sich eine hohe Spannung beinhalten und persönliche Schicksale so nahegebracht werden, dass sie „unter die Haut“ gehen, rundet den hervorragenden Gesamteindruck dieses Romans nur noch mehr ab.

 

Sowohl „der Fall“, als auch das Setting und darüber hinaus die tieferreichenden Reflexionen über die Richtung, welche die moderne Welt (nicht nur in Japan) nimmt, was das Zwischenmenschliche, was den Wert des Lebens, die Sucht nach Anerkennung und das zunehmende Anti-Soziale angeht werden dabei von Minato sprachlich bestens vor Augen geführt.

 

Angefangen schon bei den nächtlichen Mails (scheinbar) verzweifelter Schüler über pragmatische Berufswahlen, die gewisse Erwartungen von Beginn an entzaubern und bei „Exekutionsmaschinen“ noch lange nicht endend.

 

Da, wo sich im Land ein 13jäähriges „braves Schulmädchen“ in eine „geistig umnachtetet Mondgöttin“ verwandeln kann (oder beides ist). Wo eigentlich ernstzunehmende Warnzeichen in den social media ignoriert, teilweise bewundert, allgemein nicht ernst genug genommen wurden, wo in der „pädagogischen Erziehung“ Drill herrscht, der leicht als ungerecht empfunden werden kann. Von denen, die „nur laufen“, statt auch mal „den Schläger in die Hand zu bekommen“.

 

Eine hervorragende Lektüre voll ernüchternder Erkenntnisse über die Gegenwart und Richtung „neuer“, vielfach eher destruktiver Werte. Und ein Monument der (vermeintlichen?) Rache (was die Milch angeht, die alle in der Klasse trinken), das den Leser so schnell nicht wieder loslässt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017