S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Karen Perry – Bittere Lügen

 

Zwischen Wahn und Lüge

 

Harry war schon einmal richtig am Boden. An sich schon mehrfach, aber einmal führte dies zu einer langen, intensiven psychologischen Behandlung. Einer, der ein Lebenstraum nicht verwunden bekommt. Einer, bei dem seine Frau und sein engster Freund und der Rest der Familie vorsichtig betrachten, wie stabil er letztlich ist.

 

Harry ist mit Robin verheiratet, mit der ihn eine lange Geschichte verbindet. Künstler sind sie (bzw. Robin war eine). Aussteiger. Maler. Lebten in Tanger, „des Lichtes wegen“. Nachdem sie vorher mit und wie Hippies in Spanien sich aufhielten. Waren in der Szene in Tanger verankert, mit dem leicht geheimnisvollen Cosimo befreundet (Harry mehr als Robin), eine Art Zentrum der Szene in Tanger.

 

Harry und Robin sind Eltern. Dillon ist ihr Sohn. Einer, der schlecht einschläft. Deswegen greift Harry hier und da zu einer Schlaftablette. Mit schlimmen Folgen. Denn als ein Erdbeben Tanger heimsucht, schläft Dillon wie ohnmächtig in seinem Bett, während Harry noch Einkäufe erledigen will.

 

Das Haus bricht zusammen, die Leiche Dillons wird nie gefunden. Was der Grund für Harrys Aufenthalt in der Klinik war. Denn hier und da, schon länger mit Robin wieder nach Irland zurückgekehrt, sieht er Dillon. Ganz fest glaubt er das, geht dem nach, wird verrückt daran.

 

Seit einer ganzen Weile aber scheint Ruhe zu herrschen. Das alte, ererbte Haus will saniert werden. Auch wenn das Geld knapp ist, hier und da macht Harry was aus seiner Kunst. Pflegt Kontakte, versucht, mit Robin seine Wege zu gehen (auch wenn Harry hier und da mal fehltritt).

 

Bis er, eines Tages, am Rande einer Demo gegen den EU Rettungsschirm diese Frau sieht. Mit diesem Kind an der Hand. Dillon. Harry weiß das ganz fest und macht sich heimlich an Nachforschungen. Inmitten von Menschen, die ihn wieder für ziemlich gestört halten würden, sollte das bekannt werden.

 

Wahn oder Wirklichkeit? Illusion oder Fakt? Wie in „Gone Girl“ wird der Leser die Geschichte abwechselnd aus Robins und Harrys Perspektive erleben, die Fäden ganz langsam im Hintergrund erkennen. Nicht so bösartig miteinander wie in „Gone Girl“ und so bewusst strategisch den anderen vernichten wollen, durchaus aber Halbwahrheiten und Lügen werden sich als auf dem Weg des Paares liegend finden.

 

Bis hin zu einer sehr überraschenden, so nicht vorgeahnten Entwicklung am Ende, die einen dramatischen Verlauf nehmen werden.

 

Klare Sätze, hohes Tempo und dennoch der Blick für die Tiefe der Protagonisten bieten in diesem Buch eine dichte Atmosphäre mit vielfachen Wendungen und einem Langsamen Herausarbeiten des Hintergrundes. Lange Zeit hält Perry den Leser mit in der Schwebe und stellt vor allem Harrys fieberhafte Innerlichkeit sehr fassbar in den Raum. Da werden selbst öde Stunden der DVD Sichtung mit blutunterlaufenen Augen noch zum Erlebnis.

 

 

Intelligent konzipiert, spannend erzählt und mit hoher emotionaler Nähe zu den Protagonisten.

 

M.Lehmann-Pape 2014