Blanvalet 2014
Blanvalet 2014

Karin Slaughter – Bittere Wunden

 

Breit angelegter und komplexer Thriller

 

Es braucht seine Zeit der Lektüre und durchaus ist es hier und da notwendig, zurückzublättern, sich neu zu vergewissern, auf welcher Zeitebene man sich im Buch gerade befindet und wem nun genau die vielfachen Figuren zuzuordnen sind, bevor man einigermaßen den roten Faden des Buches vor Augen hat.

 

Junge Mädchen werden ermordet. In der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit Mitte der 70er Jahre.

 

Eine Vergangenheit, in welcher die toughe, klare, stringente Vorgesetzte Amanda (der Will Trent auf allen Ebenen seiner Karriere bei der Polizei immer gefolgt ist) ein „junger Hüpfer“ war. Unsicher. Von der Welt wie weggesperrt durch die übermächtige Persönlichkeit ihres Vaters. Du dennoch diesem in den Polizeidienst folgend.

 

Zu  einer Zeit, in der weibliche Polizisten von ihren männlichen Kollegen maximal wie lebende Pin Up´s behandelt wurden.

 

Und doch ist es Amanda (häufiger kurz vor der Ohnmacht) mit ihrer Kollegin (die langsam zur Freundin wird) Evelyn, die hartnäckig an einem vermeintlichen Selbstmord einer drogensüchtigen, jungen Polizistin dran bleibt. Sich nicht beirren, nicht von den rüden Umgangsformen und der Ausgrenzung durch die männlichen Kollegen abhalten lässt und selbst die Angst vor ihrem Vater hinten anstellt. Und langsam, Schritt für Schritt auf ein furchtbares System von Verbrechen kommt.

 

Wobei der Leser den Ermittlern in Bezug auf die Morde auf allen Zeitebenen ein kleines Stück nur voraus ist (was aber nicht reicht, um auch nur im Ansatz die Lösung des Falles vorweg zu ahnen).

 

Ein großer Mann geht um. Einer, der die jungen, zerstörten Frauen „meine Schwester“ nennt. Der von Rettung und Erlösung spricht, dafür aber sehr, sehr merkwürdige Methoden anwendet.

 

Von diesem Mann ahnen weder Amanda und Evelyn in der Vergangenheit zunächst etwas, noch Amanda und Will Trent in der Gegenwart.

 

Will, der sich gerade, soweit es seine innere Distanz, seine Verschlossenheit überhaupt zulässt, auf eine Beziehung zur Ärztin Sara eingelassen hat, plötzlich aber wie „weggeschaltet“ auf diese wirkt. Und zudem noch die Probleme mit seiner Noch-Ehefrau einfach nicht aus der Welt geschafft bekommt. Angie, die etwas ganz besonderes noch für ihn tun wird..

 

Bruchstückhaft tauchen im Buch nun vermehrt auch Erinnerungen an die Jugend, die Entwicklung Trents auf.

Waise. Sein Vater als Mörder eingesperrt.

Ein Weg voll schwerer Erlebnisse, an denen Amanda in irgendeiner nicht näher zu fassenden Form sehr eng beteiligt gewesen sein muss. Erlebnisse, die nun plötzlich scherhaft trennend zwischen Sara und ihn treten.

 

Und zwischen all diesen innerlich verwundeten Menschen, den Rückblenden in die persönliche Vergangenheit, entfaltet sich langsam „der Fall“, der über Jahrzehnte zu reichen scheint.

 

Zu einem Moment in der Gegenwart, in dem Wills Vater aus dem Gefängnis entlassen wird.

 

All diese Morde, tragen sie etwa die Handschrift des eigenen Vaters?

 

Nicht einfach ist es, all den Eindrücken, Episoden, Personen im Buch zu folgen. Hier und da verzettelt sich Slaughter durchaus in ihrem Bemühen, quasi „alles auf einmal“ im Blick zu halten. Was aber die perfiden Morde angeht, die langsame Entwicklung der Untersuchungen damals und heute, da baut sich im Lauf der Seiten mehr und mehr Spannung auf, da gelingt es Slaughter, den Leser unmittelbar in das innere Erleben „zerstörter Seelen“ und „bitterer Wunden“ zu führen.

 

Plakativ, die Befindlichkeiten ausleuchtend und die Bedrohung durch den (vermeintlichen) Täter stetig steigernd, Spannung ist gerade im zweiten Teil des Buches zunehmend vorhanden. Und für die regelmäßigen Leser der „Georgia-Reihe“ ein vielfaches an Informationen zu bereits ein stückweit vertrauten Personen, die in diesem Buch einen ausführlichen „Unterbau“ erhalten.

 

 

Trotz mancher Konzentrationsanforderung eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014