Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

Keigo Higashino – Böse Absichten

 

Umfassender und intensiver Blick auf die Psychologie der Personen

 

Sie scheinen beste Freunde seit Grundschulzeiten zu sein. Der eine wurde zum erfolgreichen Schriftsteller und ermöglichte auch seinem Freund, dessen diesbezügliche Ambitionen anzugehen.

 

Kunihioko Hidaka, mit Preisen ausgezeichneter Autor und Osamu Nonoguchi, der sich gerade im Kinderbuchbereich ein wenig eingerichtet hat und von Höherem träumt.

 

Unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Lebenswege, auch was das Privatleben angeht. Während Hidaka früh Witwer wurde und nun gerade mit seiner neuen Frau ein Angebot nach Kanada angenommen hat, lebt Nonoguchi als scheinbar eingefleischter Junggeselle.

 

Doch der Schein trügt in mehrfacher Hinsicht, wie der Leser im Folgenden Seite für Seite mehr erfahren wird. Aus den verschiedenen Perspektiven von Beteiligten heraus, vor allem aus der Sicht Nonoguchis und des dann ermittelnden Kommissars Kaga heraus bietet sich je eine nicht nur in Nuancen andere Sicht auf das, was geschehen wird.

 

Hidaka wird erschlagen in seinem fast leergeräumten Haus in seinem Arbeitszimmer gefunden. Von seinem „Freund“ und seiner jungen Ehefrau.

 

Schon bald kreisen die Ermittlungen von Kommissar Kaga in eine ganz eindeutige Richtung. Aus der auch gar nicht groß widersprochen wird. Doch die Frage ist gar nicht, wer letztlich den Mord quasi zugibt, sondern unter welchen Umständen und aus welchem Motiv heraus dieser Mord geschehen ist.

 

Denn nicht nur ist der Schriftsteller nun tot, sondern es rühren sich vielfache Zweifel daran, ob Hidaka überhaupt Schriftsteller war.

 

Um diese entscheidenden Fragen zu klären, muss Kaga tief hineinsteigen. In die Persönlichkeiten der „alten Freunde“ und weit in die Zeit zurückgehen, um die Quelle eines möglichen Motivs zu finden.

 

Wie gewohnt bietet Hoigashino einen sehr intelligent konstruierten Fall und ein verschachteltes Motiv, bei dem dieses Mal für den Leser die Frage nach dem Mörder selbst schnell beantwortet ist, die Frage nach dem „Wie“ und dem „Warum“ aber vielfache Wendungen und überraschende Drehungen erhalten wird.

 

Es ist eine Freude, den klaren und prägnanten Sätzen, dem logischen Stil Higashinos zu folgen und sich immer wieder mit hineinnehmen zu lassen in neue Erkenntnisse, Fakten, die geklärt schienen und plötzlich, aber dennoch folgerichtig, in neuem Licht erscheinen.

 

Auch wenn die letztliche Auflösung des gesamten Vorgangs dann am Ende doch ein wenig konstruiert erscheint, auch wenn sich dem Leser nicht ganz erschließt, warum der Mörder nicht andere Wege gegangen ist, auch wenn das eigentliche „Motiv“ ein wenig schwach auf den Füßen steht, insgesamt bietet auch der neue Kriminalroman von Keigo Higashino eine interessante und intelligente Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2015