Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Keigo Higashino – Verdächtige Geliebte

 

Ein intellektuelles Vergnügen

 

Wenn ein außerordentlich begabter Mathematiker und ein außerordentlich begabter Physiker, die an der kaiserlichen Universität zu Zeiten teilweise gemeinsam studiert haben, sich nach Jahrzehnten im wahren Leben wiedertreffen und sich dann noch auf verschiedenen Seiten in Bezug auf einen Mord befinden, dann beginnt eine Kaskade aus klarster Logik, Täuschung und Manöver, Plan und Berechnung, der an ein höchst komplexes Schachspiel gemahnt (oder eben an mathematisches Denken, das dem Durchschnittsbegabten wie ein Buch mit sieben Siegeln zunächst erscheint).

 

So im Übrigen kommt sich auch Kommissar Kusanagi vor. Einer, der im Schachspiel in der Regel nicht mithalten kann, einer, dem in diesem Fall seine durchaus vertrauenswürdigen Intuitionen keinen Schritt weiter helfen. Beileibe nicht, weil der Fall so kompliziert wäre. Im Gegenteil, je weiter die Ermittlungen fortschreiten, desto sonnenklarer wird, wer ermordet wurde und wer Mörder ist. Aber, soviel sei verraten, alles nur der Oberfläche nach. Gerade weil eine solide Tiefe als Illusion im Raume steht.

 

Und das alles ist noch nichts gegen die wirkliche Auflösung des Falles, die von vom Ende des Buches her absolut strikt und logisch vorliegt, die aber auf dem Weg zu den eigentlichen Hintergründen nicht mit einem Hauch offener Indizien den Leser vorwarnt. Oder doch? Wenn man nicht der mathematischen Illusion mit ausgeliefert wäre, die Higashino tatsächlich perfekt in den Raum stellt. Der Illusion, dass klare Indizien eben klare Indizien sind. Aber auch das sei nicht verraten, wo der Denkfehler (fast) aller Beteiligter von Beginn an liegt.

 

Das Buch ist konzipiert im Stil eines klassischen Kriminalromans der Sorte, bei der Opfer und Täter von Beginn an bekannt sind und es im Lauf des Falles nur darum geht, den entsprechenden Nachweis erbringen zu können („Columbo“ und Dutzende andere haben diesen Stil mit bekannt gemacht). Wer nun wen und warum und auf welche Weise tötet, kann gleich zu Beginn als Ausgangssituation des Romans nachgelesen werden.

 

Ein Mord, der sogleich einen Plan nach sich zieht. Wie kann ein perfektes Alibi geschaffen werden, das allen Überprüfungen stand hält und bei dem sich Verdächtige keine Blöße geben? Und welche Sicherheitsnetze können noch eingezogen werden, wenn ein kühl und emotionslos berechnendes „Genie“ auch Unwägbarkeiten mit in Betracht zieht?

 

In klaren, einfachen Sätzen, von denen jeder abgerundet und genau gesetzt wirkt, führt Higashino den Leser Seite für Seite weiter hinein in einen tatsächlich perfekten Plan, der nur durch einen einzigen möglichen Denkansatz her ins Wanken geraten könnte. Ein solch ausgeklügelter Plan, ein im Übrigen auch solch zwangsläufiger Mord, das der Leser mehr und mehr seine Sympathien auf Seiten der Täter ansiedelt und es sehr bedauern würde, sollten diese tatsächlich überführt werden oder die Nerven verlieren.

 

Besser gesagt, bei dem Teil des Plans, den der Leser lange Zeit überhaupt nur überschauen kann. Wie tief reichend und genial die Planung tatsächlich war, das liegt, wie erwähnt, erst am Ende in ganzer Perfektion vor.

 

Sprachlich, inhaltlich, im Tempo und der intellektuellen Herausforderung ein vollendeter Genuss.

 

M.Lehmann-Pape 2013