Piper 2011
Piper 2011

Kerstin Ekman – Tagebuch eines Mörders

 

Kopfkino par excellence

 

„Frieda war 11 Jahr alt, als er ihr Stiefvater wurde. Ich mochte nicht, wie er sie ansah“.

Er, dass ist der Arzt Skade, Arbeitgeber und Dienstherr von Pontus Revinge. Schon vorher war Skade ihm nicht angenehm und die Blicke des Lüstlings auf die Stieftochter sind nur ein weiterer Puzzlestein für das, was späterhin passieren wird.

 

Ein Puzzlestein neben dem tiefen Eindruck des Pontus Revinge, dass es das Leben nicht gut mit ihm meint. Verarmt durch Schulden seiner Mutter, die er abzuzahlen hat, allein ohne gesellige oder gesellschaftliche Kontakte, ganz sich selbst und seinem Inneren mitsamt seiner Fantasien, seinem eigenen Kopfkino überlassen. Bemitleidenswert durchaus, wie dieser Pontus fast kriecherisch dem von ihm bewunderten, ansonsten aber sehr zwiespältig gesehenen, Autor Södergerg hinterher schaut und versucht, diesem dienlich zu sein. Und dann den fast kühlen Entschluss fast, all dieses „unten sein“ im Leben hinter sich zu lassen.

 

Pontus, dessen fiktive Tagebuchaufzeichnungen als Rückschau auf sein Leben in der Form das Buch bilden, ist auch ein Mann vorschneller Rückschlüsse. Seine Gedanken rasen bereits in alle Richtungen, bevor er eine Situation ganz erfasst hat. So, als er es wagt, ein Treffen mit dem bewunderten Autor anzustreben und nach einigen Zeilen des Antwortbriefes, nur lesend, dass der Autor das Treffen wohl absagt, überlesend, dass es nur um eine Zeitverschiebung des Treffens geht, sich bereits in der Vermutung einer Demütigung durch den Autor ergeht.

 

So gibt das Buch von Ekman nun Seite für Seite mehr Zeugnis darüber ab, wie sehr sich Pontus in sich selbst verstrickt und ganz eigenen inneren Pfaden folgt. Da Söderberg ihm bei einem Randgespräch einmal mitgeteilt hatte, er suche für einen seiner Romane die perfekte und nicht nachweisbare Art des Mordes, macht sich Pontus Revinge stellt Pontus einige Zyankalikapseln her, die genau den  gewünschten Effekt nach sich ziehen.

Und tatsächlich, Söderberg wird diese Methode in einem seiner bis heute bekanntesten Bücher nutzen. Doch nirgends stand im Raum, dass sich diese Idee verselbstständigen und in die Tat umgesetzt werden sollte. Das nun gebührt Kerstin Ekman, eine mögliche Umsetzung des literarischen Vorbildes ebenso fiktiv literarisch vor Augen zu führen

Endlich handeln, dass wird die Devise des Pontus Revinge. Kühl, mörderisch und ohne Reue.

 

Pontus tötet seinen Arbeitgeber. Er heiratet die Witwe des Mannes, wird damit selber zum Stiefvater Friedas und sieht sich in der Folge mit einer drohenden Obduktion des Todes und einer genaueren Untersuchung des Todesfalles konfrontiert. Schon von Natur aus voller Fantasien über das, was um ihn herum geschieht, verliert er nun die innere Contenance, trotz seiner nun endlich erreichten  Ankunft im anerkannten, bürgerlichen Leben der Stadt..

 

Eine Entwicklung, die Kerstin Ekman dicht und emotional treffend zu beschreiben versteht. Von der ersten Seite an nimmt sie den Leser mit hinein in dieses ständig fiebrig vor sich hin arbeitende und denkende Innenleben ihrer Hauptfigur. Mit dieser gewählten Form des Tagebuches gelingt es ihr, Schritt  für Schritt die innere Entfaltung einer ganz eigenen, Weltsicht mit kruder Logik vor die Augen des Lesers zu stellen, der sich bald vorsehen muss, sich nicht mit in diese wortreiche und fantasievolle Welt zu verlieren.

Eine Welt, die aus Fantasien zu kühlen Überlegungen und Handlungen sich entfalten wird. Eine Welt, die Kerstin Ekman mit nüchterner Sprache, bildreicher Darstellung und umfangreichem Sprachschatz darzustellen versteht und in ganz ungewohnter Form darlegt.

 

M.Lehmann-Pape 2011