Piper 2016
Piper 2016

L.S. Hilton – Maestra

 

Mit kühler Eleganz geschrieben und intelligent-hintergründig konzipiert

 

Das Buch ist bei Weitem keine Aneinanderreihung erotischer Szenen, jene 4-5 intensiven Beschreibungen von Atmosphäre und sehr, sehr offenherzigen Praktiken aber sind in solcher Offenherzigkeit, knisternd, anregend, direkt und klar aus der Sicht beiderlei Geschlechter geschrieben, dass alleine diese Seite des Thrillers mit zum Besten gehört, was in den letzten Jahren an „erotischen Ereignissen“ zu lesen war (wo man überall den Geschmack von Austern finden kann….).

 

Aber nicht nur diese sehr expliziten Szenen zeigen auf, wie klar und stringent Hilton zu schreiben versteht. Ihre differenzierte Gestaltung ihrer Figur Judith, ganz Frau, auch weich, aber ebenso mit kühler Eleganz und sehr durchsetzungsfähigem Willen versehen erfreut dabei ebenso und zieht in den Bann, wie die vielfachen Nebenfiguren, die den Weg dieser Judith säumen, als auch die sehr hintergründig und verschachtelt angelegte wirtschaftlich-kriminelle Seite, die Judith im Lauf der Ereignisse entfaltet.

 

Von einer kaum beachteten, minderen Angestellten eines Londoner Auktionshauses entwickelt sich die junge Frau Seite für Seite mehr in eine attraktive, kluge, Pläne stringent umsetzende Person, die alles an ihrer alten Welt weit hinter sich lassen wird.

 

Eine Frau, die zum einen weiß, was nötig ist, wie es funktionieren könnte, wie sie sich in aller Heimlichkeit absichern kann, gegenüber zwielichtigen Gestalten, aber auch vermeintliche n Vertrauten, die auch vor rabiater Gewalt nicht zurückscheut (und das ohne innerlich schlechtes Gewissen) und die, von Beginn an, ihre Körperlichkeit nicht nur als Instrument zur Erreichung von Zielen einsetzt, sondern auch selbstbewusst und mit großer Klarheit die eigenen körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen versteht.

 

Wobei zum einen manches an den „geschäftlichen“ Dingen doch sehr vereinfacht dargestellt wird (ob man wirklich mit einem kleinen Bild in der Hand einfach so auf einen Stuhl neben einen Mafia-Boss sich wiederfinden würde?), manches an Motiven ebenso zu simpel erscheint (das Rache Motiv des letzten Drittels des Buches) und die „modische Komponente“ nun deutlich zu breiten Raum im Buch zugewiesen bekommt.

 

Dennoch, oft gelingt es Hilton, genau jene Grenze zwischen Stärke und Schwäche, Femme fatal und einfachem Mädchen mit Träumen, zwischen hart und weich in ihrer Charakterisierung zu treffen, die den Leser im Verständnis auch für manche grenzwertigen, abstoßenden Handlungen dieser Judith halten.

 

Denn in ihrem festen Vorhaben, sich ihren Platz in dieser Welt auf der „richtigen Seite“ der starken Trennung von Reich und Arm zu sichern, mit ihren Möglichkeiten, ihrer Ausbildung, ihrer Intelligenz sich nicht mit einem unterbezahlten Job einem jahrelangen Lebenskampf auszusetzen. Ob dennoch der Zweck dann alle Mittel rechtfertigt, mag dahingestellt bleiben, in der inneren Logik der Abläufe im Buch funktioniert es zumindest.

 

Eine grundlegende Analyse der Lage und der Planung durch Judith, die hintergründig auch Gesellschaftskritik transportieren.

 

Das London der Gegenwart, nichts für „Normalverdiener“. Die Dekadenz der Kunstsammlerszene und Yachtenbesitzer und das „Leben am Rande“ all der anderen (am Beispiel auch der Freundin aus Paris und deren Wohnung), all das lässt den Leser nach dem Start in das Buch mehr und mehr mit Judith mitfiebern, die sich mehr als einer gefährlichen und scheinbar ausweglosen Situation gegenübersehen wird.

 

 

Ein insgesamt (trotz mancher Vereinfachungen und Längen) gelungener, in den Personen, der geschilderten Erotik und der kühlen Strategie für das eigene Leben anregender Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2016