Blanvalet 2014
Blanvalet 2014

Lee Child – Wespennest

 

Noch härter

 

„„Ich weiß“, sagte Reacher. „Ich kehre euch den Rücken zu. Ihr könntet mich von hinten angreifen.“ „Nun ja……“. „Aber ihr werdet es nicht tun“. „Wieso sollten wir es nicht tun?““.

 

Das werden die beiden Männer im Fond des Wagens, in den Reacher gerade vorne eingestiegen ist, ebenso umgehend erfahren, wie der Leser.

Klar, direkt, endgültig werden es alle Beteiligten erfahren.

 

Wie Reacher selbst mit seiner Art der wenigen Worte und der dafür eindeutigen Handlungen aufzeigt, so bildet sich darin auch der Stil des gesamten Buches ab (wie in jedem Jack Reacher Thriller).

 

Auch die Zutaten ähneln sich natürlich sehr.

 

Ein gottverlassener Ort, zwar nicht außerhalb der Welt, doch sehr abgelegen. Die nächste Polizei findet sich 60 Meilen entfernt (und von denen kommt nie einer vorbei). Eine „Männerrunde“ von drei älteren, gestandenen Brüder und einem Sohn (und Neffen) hat die harte Hand auf der gesamten kleinen Gemeinschaft von Farmern. Und noch anderes wird sich an diesen Händen finden lassen.

 

Reacher strandet, wie so oft, eher zufällig an diesem Ort. Befindet sich nach kurzer Zeit mitten drin im Konflikt, wird einfach nicht in der Ruhe gelassen, die er eigentlich für sich selber sucht. Ebenso, wie seine ausgeprägte Antipathie gegen Unrecht und Drangsal einfach nicht abgestellt werden kann.

 

Vor 25 Jahren, zudem, verschwand am Ort ein kleines Mädchen. Ein Geschehen, dass bis in die Gegenwart hinein Wunden offen gelassen hat und nie geklärt wurde.

 

So geht Reacher den Dingen nach. Auf seine Art. Einer, der austeilen und einstecken kann, der austeilen wird (nicht zu knapp) und der einstecken werden muss (ebenfalls nicht zu knapp), der am Ende aber, wie immer, mehr ausgeteilt als eingesteckt haben wird.

 

In dieser klaren Geschichte, die breite Kreise zieht, die bis aus Las Vegas heraus harte Männer in dieses Nest in Nebraska bringen wird.

 

Alles wie gehabt und alles, ebenso wie gehabt, spannend, klar, unterhaltsam und stringent aufgebaut, das Erfolgsmodell der Reacher Romane eben.

 

Mit zwei, man kann sagen, Erweiterungen, die doch Fragen offen lassen.

 

Zum einen hat Lee Child selten so drastisch und kühl Gewalt geschildert. Nicht nur als „fairer Kampf“ (der mit Reacher eh kaum möglich ist, da in alle Welt ständig unterschätzt), sondern mit einer fast Lust an kühler Darstellung brechender Knochen, zerstörter Knie, deformierter Nasen und gebrochener Hände, die sehr drastisch im Buch beschrieben werden.

 

Zudem mittlerweile oft auch „einen Schritt darüber hinaus“. Über einen Kampf, über ein sich Wehren Reachers, über ein Ablassen, wenn der Kampf vorbei ist. Ja, der ein oder andere bekommt seine Chance von Reacher, aber gerade, was den Schluss des Buches angeht, finden hier einfach eine Treibjagt und kühle Morde statt, die bei näherem Überlegen den „einsamen Kämpfer für das Gute“, Reacher, zu einem berechnenden Mörder machen (ohne unbedingte Not). Ankläger, Richter und Henker in einem. Eine Tendenz zur umfassenden Selbstjustiz, die latent immer bereits vorhanden war, in diesem Buch aber zu weit geht.

 

 

Wie immer geradlinige und beste Unterhaltung mit dennoch einem hier deutlich schalen Nachgeschmack.

 

M.Lehmann-Pape 2014