btb 2015
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Leif GW Persson – Der glückliche Lügner

 

Hervorragend

 

Ob wirklich einer der Lügner im Buch am Ende so richtig glücklich sein wird, das mag dahingestellt bleiben.


Was aber Pinoccio mit Nikolaus II., Winston Churchill und Wladimir Putin verbindet und wie in all dem der wunderbar unsympathische, korrupte, misanthropische  und absolut egozentrische Kommissar Bäckström für sein teils perfides Intrigenspiel noch an einen Orden kommen wird, das ist ebenso intelligent konstruiert und lesenswert im Buch, wie die Verbindungen, die sich zwischen einer „Karnickelquälerei“, einer Körperverletzung mittels eines Auktionskataloges und einem toten Rechtsanwalt ergeben werden.

 

Vor allem aber die Person Evert Bäckström, der sich auf seine „Supersalami“ ebenso zu Unrecht etwas einbildet wie auf seinen „kräftigen Körper“ (die weibliche Seite betrachtet ihn als „kleinen fetten Mann“ und macht sich eher lustig über seine „männlichen Teile“, als das alles so zu würdigen, wie Bäckström das sieht).

Der seinen Mittagschlaf jeder Ermittlung vorzieht, alle gegeneinander ausspielt, jede Menge Umschläge entgegen nimmt und geschickt die Schuld für die eigenen Indiskretionen anderen „nachsagen“ lässt.

 

Einer, in dessen Kopf Persson den Leser ausführlich Platz nehmen lässt und ihm somit die Möglichkeit gibt, die wirklich wichtigen Gedanken des Ermittlers bei den Teambesprechungen aus erster Hand mitzuerleben (wie wohl die junge Kollegin ohne das enge Top aussehen würde).

 

Dennoch, es wird ein komplizierter Fall werden, den Bäckström in gewohnt intuitiver Manier angehen wird. Ein Rechtsanwalt mit engem Kontakt zu allen wichtigen Kriminellen im Umfeld wird erschlagen aufgefunden. Scheinbar aber zweimal erschlagen und irgendwie an beiden Angriffen nicht so recht gestorben, auch wenn er nun tot ist.

 

Augenzeugen schildern Eindrücke, die so nicht stimmen können (denn einer, der vor Ort gesehen wurde, hat ein solch wasserdichtes Alibi, dass das so nicht sein kann). Und dann verschwindet auch noch der wichtigste Augenzeuge (was zum härteren Thrillerteil dieses Buches führen wird).

 

Und dennoch führt Bäckström souverän Regie in den Ermittlungen, lässt sich von nichts beirren, trotzt allen Versuchen von Kollegen, ihm endlich bei zu kommen und zieht Verbindungen zwischen Kisten, Bildern, Hasen und Hells Angels, die zwingend zur Aufdeckung der vielfachen Fäden dieses Falles führen werden.

 

Wobei insgesamt der „Fall“ fast zurückzutreten hat gegenüber dieser Lust an den Figuren, die man Persson Seite für Seite abspürt, die bis in kleinste „Nebenrollen“ hinein (die „Lesbe“, die „radikale Tierschützerin“, die „ehrgeizige Staatsanwältin ohne echten Durchblick“ und viele mehr) mit präziser Beobachtungsgabe und einer locker-leichten Sprache fast überquillt aus diesem Buch.

 

Ironisch, zynisch, hart, wo es darauf ankommt, bräsig, wo es passt, mit einem „Antihelden“, wie er im Buch steht,  weit verzweigt und doch ein großes Ganzes ergebend, es ist eine sehr unterhaltsame und sehr flüssige Lektüre, die Persson um diesen Evert Bäckström herum bietet.

 

M.Lehmann-Pape 2015