dtv 2011
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Lieneke Dijkzeul – Vor dem Regen kommt der Tod

 

Kupferrot

 

Kupferrotes Haar hat es ihm angetan. Zunächst zumindest das Haar der jungen Polizistin Renée. Einfach so, ohne das zunächst ein Anlass, eine Anhaltspunkt vorliegen würde, überfällt er die junge Frau in ihrer Wohnung. Mit kraftvoller und prägnanter Bildsprache führt Lieneke Dijkzeul bei der Gestaltung dieser Eröffnungssequenz ihres Thrillers ins Geschehen ein. Lebhaft stellt sie dem Leser den Kampf auf Leben und Tod vor Augen bis hin zur letzten Szene, in welcher der Unbekannte die Polizistin quasi skalpiert. Auf der Flucht vom Tatort aber lässt er das verräterische Stück Haut mit Haar im Müll verschwinden. Warum aber hat er es dann überhaupt mitgenommen?

 

Nur eine der vielen Fragen, die gerade im ersten Drittel des Buches zu Hauf auftreten. Inspecteur Paul Vegter, mit der jungen Polizisten durchaus befreundet, noch in Trauer ob des Todes seiner Frau, nimmt die Ermittlungen auf und steht auf längere Sicht erst einmal vor dem Nichts. Jede kleine Spur, die er versucht, aufzunehmen, verläuft erst einmal im Sande.

 

Parallel wird die Geschichte der Galeristin Vivienne erzählt. Äußerlich nicht sonderlich ansehnlich, mit einem stark verkürzten Bein, hat sie, scheints, privat das große Los gezogen mit dem attraktiven und weltgewandten John. Doch auch hier trügt der Anschein. Immer mehr keimt in Vivienne der Verdacht, dass ihr Mann etwas zu tun hat mit dem Überfall auf die Polizistin.

 

Für den Leser erhärtet sich dieser Verdacht noch auf anderer Ebene. Der Partner Johns in einer Werbeagentur war die letzte Verabredung Renées vor dem Überfall. Mehr und mehr enthüllt sich ein perfider Plan, in dem Menschen wie Schachfiguren hin- und herbewegt werden, um ein endgültiges Ziel zu erreichen. Bis zur Auflösung des Falles aber wird auf den gut 330 Seiten des Buches noch manch gefährliche Situation zu überstehen sein.

 

Solide und durchaus plakativ-spannend gestaltet Dijkzeul ihr neues Buch, wobei die darstellerischen Qualitäten vor allem in der bildhaften und lebendigen Darstellung der Gefahrenmomente liegt. Andererseits bildet das Buch zu einem hohen Teil innere, psychologisch zu vertiefende Situationen dar, ein Nachspüren der Innenwelt des Täters und der Innenwelt „der anderen“, vornehmlich der Galeristin Vivienne und des Polizisten Vegteur. Bei aller Sorgfalt, mit der Dijkzeul diese psychologische Ebene verfolgt und versucht, auszugestalten, tauchen gerade in diesem Teil des Buches aber doch Längen auf und, vor allem, läst sich ein Spannungsabfall hier und da nicht übersehen.

 

Da relativ schnell klar zu sein scheint, wer der Täter ist, lebt das Buch eben über weite Strecken von dieser inneren Spannung der psychologischen Vertiefung und der Frage nach dem eigentlichen Motiv, diese innere Spannung wird nicht durchgehend aufrechterhalten.

 

Ein solider, in Teilen durchaus spannender, in lebhafter und bildkräftiger Sprache sehr realistisch beschreibend verfasster Thriller, der einige Längen aufweist und nicht immer die Spannung und das Tempo aufrecht erhält, welche die Anfangssequenzen vielversprechend in den Raum stellen.

 

M.Lehmann-Pape 2011