Galiani 2013
Galiani 2013

Linus Reichlin – Das Leuchten in der Ferne

 

Das eigene Leben als Krisengebiet

 

In faszinierender, sprachlich eleganter und den Leser durchweg erreichender Weise, verbindet Linus Reichlin in seinem neuen Roman „Krisengebiete“, die, jedes für sich, die ganze Kraft seiner Protagonisten erfordern.

 

Afghanistan, die Taliban, Misstrauen, Fremde und Gewalt und darin als Kriegsreporter auf besonderer Mission bestehen, das ist der äußere Rahmen, das „äußere“ Krisengebiet, das Reichlin präzise und „von Innen her“ darstellt und in der Atmosphäre und den Eigenheiten des Landes und der Situation hervorragend trifft.

 

Die eigene Zerrissenheit, die eigene Flucht vor dem Leben, die Unmöglichkeit für ein „normales Leben“, ja, im Eigentlichen die Verachtung all dessen, was diesen ganz normalen Alltag mit seinen „Krötenwanderungen und Kampf gegen den Fluglärm“ ausmacht, das ist das innere „Kampfgebiet“ des Moritz Martens, nicht nur äußerlich langsam verglühender Kriegsberichtsreporter, ohne größere Aufträge und ohne inneren Halt. Weder in seiner ehemaligen Ehe noch bei seiner Tochter noch bei seiner aktuellen Geliebten ist es ihm gelungen, „innerlich sesshaft“ zu werden. Das erreicht ihn alles nicht wirklich.

 

„Rechts vor links. Sättigungsbeilage. Altervorsorge. Es fehlte niemandem ein Ohr, ein Arm oder in Fuß. Martens gab sich aufrichtig Mühe. Er versuchte, das alles ernst zu nehmen“.

Ohne Erfolg.

Nur im besten Essen, in Sterne Restaurants, im perfekt gegarten Fisch, in der Explosion der Geschmäcker im Mund, da findet er ein stückweit ganz zu sich, da kann er sein.

 

Gerade dies Ergebenheit dem Geschmack gegenüber setzt Reichlin bedacht ein und macht die Erwähnungen doch zu einer Art Dreh- und Angelpunkt der Persönlichkeit seiner Hauptfigur. „Sich fühlen“, das ist, was Martens mangelt und was er an den gefährlichsten Orten sucht.

 

Und nun tritt eine dritte Ebene hinzu. Das erste Mal ins einem Leben vielleicht trifft Martens auf eine Frau, die ihn, gegen seinen Willen, fasziniert. Die ihn „im hier und jetzt“ hält. Die ihn, offenen Auges, lieber blind sein lässt für die vielen Ungereimtheiten ihres „Reportage Angebotes“. Martens überzeugt einen Redakteur von diesem neuen Auftrag und reist mit Miriam nach Afghanistan. Wobei er dort feststellen wird, dass Miriam alles Mögliche erzählt hat, nur nicht das, worum es eigentlich geht, warum die Suche nach dieser gefährlichen Taliban-Gruppe in Afghanistan so wichtig für sie ist.

Und als es dann offenkundig wird, ist es auch egal, Martens zieht mit.

 

In all diesen Ereignissen legt Reichlin dem Leser, neben Selbstfindung und einer Liebesgeschichte, an der Martens erwachsen werden kann und die wunderbare Welt der Normalität für sich finden könnte, eine emotional den Leser erreichende „Reportage“ über das Land ins Buch. Sein eigenes Ziel legt seiner Figur Martens in den Mund:

 

„Er glaubt, dass der subjektive Bericht eines Einzelnen das Wesen eines Krieges, und die mit ihm zusammenhängenden Vorgänge, besser erschließen konnte als ein Film. Gerade durch die Subjektivität gelangte man in eine Tiefe. Die entscheidenden Merkmale einer Landschaft ließen sich zwar Abfilmen, aber nicht ergründen, denn das Wesentliche war das Zusammenspiel zwischen den Eigenheiten der Landschaft und den Menschen, die sich ... darin bewegten“.

 

Das ist, was Reichlin vor Augen führt. Den subjektiven Blick von Innen und die sprachlich treffend dargestellte Atmosphäre. In den Protagonisten und im Land um sie herum.

 

Ein spannendes, intensives und sehr treffendes Buch über das „ganz normale Leben“, die Liebe und ein tief befremdendes Land, dass der Leser nach der Lektüre besser versteht, ohne die Fremdheit abschütteln zu können.

 

M.Lehmann-Pape 2013