Droemer 2012
Droemer 2012

Linwood Barclay- Fenster zum Tod

 

Ungleiches Brüderpaar

 

In der Grundkonstellation erinnert Barclay neues Buch durchaus an „Rainmen“.

Ray ist anlässlich des, merkwürdigen,  Unfalltodes seines Vaters (seine Mutter ist schon vor längerer Zeit gestorben) im Elternhaus, um die Angelegenheiten zu ordnen. Vor allem die um seinen Bruder Thomas. Äußerlich ihm durchaus ähnlich, innerlich aber in einer ganz eigenen Welt gefangen. „Schizophrenie“ lautet die Diagnose. Thomas kann sich von frühauf an jede Landkarte, jede Straße, jede Route merken, die er auf Karten gesehen hat und wähnt sich auf Seiten der CIA, im direkten Kontakt mit Ex.-Präsident Clinton. Falls nämlich, egal durch was, GPS und Computer ausfallen sollen, braucht das Land ihn und seine Fähigkeiten, um sich zu orientieren, Landkarten, Stadtpläne aus seinem Gedächtnis abzurufen und neu zu erstellen.

 

Das ist seine „Arbeit“, die ihn täglich durchgehend  an seinen PC fesselt, nur durch Essenspausen unterbrochen. Eine Haltung, an der Ray verzweifelt, denn alles andere  muss man seinem Bruder präzise anweisen, sonst geschieht es nicht.

 

„Kümmer dich um dein Essen“. Klar, das macht Thomas. Aber das wegräumen der Lebensmittel, die im Warmen verderben? Davon hatte Ray ja nichts konkret gesagt. Staubsaugen? Was ist das für ein fremdes Gerät da im Schrank? Was tun mit diesem Bruder, wenn man selbst am ganz anderen Ort sein Leben aufgebaut hat, das Elternhaus verkaufen will, den Bruder aber nicht auf sich allein gestellt lassen kann?

 

Da sieht Thomas in einer Online Software, die das „Begehen von Städten“ ermöglicht, in einem Hausfenster in New York etwas, das gut ein Mord sein könnte. Dumm nur, dass die Online Bilder nicht tagesaktuell sind, sondern schon Monate zurückliegen können.

 

In New York kämpft zur gleichen Zeit der Politiker Sawchuck um den Gouverneursposten. Sein bester Freund, Howard, ist sein Wahlkampforganisator, seine Frau wähnt er eisern an seiner Seite. Doch Bridget hat einen Fehler begangen. Den Howard auszubügeln gedenkt. Durch Lewis, seinen „Mann fürs Grobe“. Der eine andere „Hilfskraft“ anwirbt. Wobei bei all dem etwas grundlegend schief geht. Was wieder zur Szene am Fenster zurückführt.

 

Während sich Ray mittlerweile mi dem FBI herumschlagen muss, zarte Bande zu einer alten Schulfreundin wieder aufnimmt und mit einigen Merkwürdigkeiten im Haus und im Blick auf den Unfall des Vaters innerlich zu kämpfen hat. Abgesehen von seinem Bruder, der ihn durchaus in Atem hält.

 

Beide Perspektiven verfolgt Barclay im Buch ineinander verwoben und tut dies in durchaus unterhaltsamer Sprache, mit leichter Ironie und gelegentlicher Situationskomik, lässt aber auch  brutale Gewalt hier und da nicht aus. Im Gesamten aber ist die Geschichte und sind die Zusammenhänge bereits früh vorhersehbar, so dass die (leichte) Spannung des Buches eher in den Feinheiten der Abläufe zu finden wäre. Wie war das zu Hause mit Thomas und seinem Vater? Was passiert in der Affäre um Bridget und die Ambitionen ihres Mannes?

 

Alles in allem eine Interessante „Fähigkeit“, die Barclay anhand der Person des Thomas in den Raum setzt, in einem mäßig spannenden, aber durchaus flüssig, mit Tempo und unterhaltsam geschriebenen Thriller, bei dem Geschichte sich logisch zusammenfügt, von Anfang bis Ende.

 

M.Lehmann-Pape 2012