dtv 2013
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Liz Jensen – Die da kommen

 

Sabotage von Innen

 

Hesketh Lock ist ein ganz besonderer Ermittler.

Nicht weil er in Anthropologie promoviert hat und auch nicht, weil er einen Blick für das Wesentliche intuitiv findet könnte. Intuition an sich ist nicht für ihn, Lock hat das Asperger Syndrom, seine soziale Ebene ist anders. Was ihn  weniger anfällig für Manipulationen macht, was ihm aber den emotionalen  Zugang zu anderen Menschen erschwert.

 

Zudem hat er sich vor Kurzem erst von einer Frau getrennt. Das war kein Problem. Aber der Sohn der Frau, Freddy K., das geht ihm nach, da fühlt er sich als Vater, da leidet er.

 

Ganz gut also, dass Lock mit einem Auftrag beschäftigt wird, der ihn vollständig fordert.

 

Da sind verdiente Mitarbeiter, weltweit, in allen Brachen, die ohne erkennbares Motiv wichtige Geschäfte ihrer Firmen sabotieren und dann zum Selbstmord schreiten. Firmen, die Locks Arbeitgeber beauftragen, die Hintergründe zu erfassen.

 

Ein Ermittler, der nach einigen Fällen und Recherchen immer wieder zu hören bekommt, dass „Geister“, „Trolle“, kindähnliche Gestalten die Mitarbeiter „von Innen befallen“. Kühl zieht Locks mathematische Schlüsse und beginnt, dieses zu glauben. Was Ihn in den Augen seines direkten Vorgesetzten fast disqualifiziert.

 

Hat, kann dies alles etwas zu tun haben mit einem anderen, weltweiten Phänomen? Dass Kinder plötzlich mit brachialer Gewalt gegen ihre Familie vorgehen, ihre Eltern, Väter, Mütter, Onkel, Tanten töten und seelenruhig jenen beim Sterben zusehen?

 

Egal wie, es muss beendet werden, denn die Welt droht, aus den Fugen zu geraten. Sabotage lähmt die Wirtschaft, immer mehr Kinder verändern sich, das Militär marschiert.

 

„Sieh doch nur, was aus dem Wachstum wird“, klingt es panisch im Gespräch. „Der Kapitalismus kollabiert, Herrgott noch mal“. „Wer auf einem begrenzten Planeten an unbegrenztes Wachstum glaubt, ist entweder verrückt – oder Ökonom“.

Sollte all dieses Geschehen einem höheren Ziel und Sinn folgen? Und warum sind all die Befallenen, die Saboteure, die Kinder so süchtig nach Salz und Insekten?

 

Je näher Lock der Lösung rückt, desto befangener wird er selbst, denn Freddy K. muss beschützt werden, die private Situation eskaliert und alle antrainierten und dem Asperger abgetrotzten „normalen“ Verhaltensweisen helfen nicht mehr weiter.

 

Was blutig und spannend beginnt, in Teilen wie ein neuer Roman von Stephen King mit übernatürlichen Erscheinungen zunächst wirkt, entpuppt sich im Lauf der Entwicklung als eine Verarbeitung von Theorien der Quantenphysik und eine handfeste Kritik an der Welt des Geldes und der Profitgier, des Umganges mit dem Heimatplaneten. Die sich abbildende Lösung entfaltet sich auf der Basis der Physik dann als theoretisch möglich, während der Leser noch mit den Gefährdungen der Protagonisten fast vollauf beschäftigt ist.

 

Hier und da ist der moralische Zeigefinger doch sehr hoch erhoben und, vor allem, gelingt es Jensen nicht immer, in die bedrohlichen Situationen wirklich das Schaudern des Leser mit hinein zu setzen. Angriff oder Bedrohungen, die in anderen Büchern seitenlang ausgebaut und emotional dicht geschildert werden würden, werden hier in Teilen doch zu lapidar am Rande erzählt, um eine Hochspannung aufrecht zu erhalten.

 

Der sich lösende Knoten der Ermittlungen, die private Verwobenheit und eine Hauptperson der ganz anderen Art allerdings machen dies fast wieder wett in Verbindung mit einem Weltuntergangsszenario in einer ganz anderen als gewohnten Darstellung.

 

Durchaus anregend, komplex wie ein „Origami“ (an solchen hält sich Lock innerlich beständig fest) und zum Nachdenken über eine mögliche Zukunft anregend bietet Jensen durchaus einen überdurchschnittlichen Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2013