S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Louise Millar – Gefährlich nah

 

Steigert sich stetig

 

In Klarer, flüssiger Sprache erzählt Millar ihre neue Geschichte von Kate Parker.

 

Eine Frau, die harte Schläge im Leben hat hinnehmen müssen.

 

Die Eltern bei einem Unfall getötet.

Der Mann bei einem Einbruch ermordet.

Zwei Einbrüche in ihrem Haus in letzter Zeit (nur in ihrem Haus, der Rest der Straße blieb bis dato völlig verschont).

 

„Ich glaube, ich bin verflucht“.

 

Kein Wunder, dass Kate zur äußersten Vorsicht neigt. Ständig Prozentzahlen von Risiken im Kopf wälzt.

Zu welcher Zeit auf welchen Straßen ist das Risiko, mit dem Rad zu fahren, am geringsten? Wie hoch ist das Risiko, dass der LKW auf der Autobahn bei beginnendem Stau nicht mehr rechtzeitig bremsen kann? Ihr Kopf kann gar nicht aufhören, alles und jeden mit Mißtrauen zu „berechnen“.

 

Ständig schwirrt ihr der Kopf, vor allem, um ihren Sohn, Jack, 10 Jahre alt, vor „dem Fluch“ zu beschützen.

Und all dies kulminiert gerade in dieser letzten Zeit, in der Kate ständig den Eindruck hat, dass Dinge in ihrem Haus verändert sind.

Die Suppe weniger geworden ist, ihre Vanille Seife plötzlich viel zu sehr entleert ist. Las ob jemand unbefugt sich im Haus zu schaffen machen würde.

 

Paranoia oder Gefahrenzeichen?

 

Als sie im obersten Stock des Hauses einen Sicherheitskäfig gegen Einbrecher anbringen lässt, ist für ihre Schwiegereltern und ihre Schwägerin das Maß überschritten. Offen droht man ihr, Jack in die Obhut der Schwiegereltern zu nehmen.

 

Gut dass Kate selber aktiv werden will. Und auch wenn es mit der ersten Therapeutin nicht geklappt hat, immerhin hat sie einen attraktiven Professor kennengelernt, der sich mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten auskennt und ein ganz besonderes, privates „Desensibilisierungstraining“ mit Kate angeht.

 

Doch warum hört auch ihr kleiner Sohn Geräusche aus dem Schrank?

 

Zu Beginn des Thrillers entsteht der Eindruck, dass Louise Millar vielfache bereits bekannte Motive benutzt. Selbst der ominöse Schrank ist hier kein originäres Spannungsmittel, sondern aus dem ein oder anderen Zusammenhang anderer Thriller vertraut.

 

Trotz der flüssigen Sprache, des hohen Tempos und der durchaus interessant geschilderten Personen macht sich daher zunächst eine behagliche Vertrautheit beim Leser breit, bereits zu wissen, was geschehen wird und ein wenig Spannung dabei zu genießen, mehr nicht.

 

Bis deutlich wird, dass Louise Millar, vor allem im zweiten Teil des Buches beginnend, hinter all den vertrauten Elementen und der eigentlich klar scheinenden Sachlage (mitsamt dem Eindruck, schon zu wissen, wie es weitergehen wird) noch eine tiefere, verzweigtere, andere verwurzelte Ebene in die Ereignisse einfließen lässt, die all das, was je passiert ist, in einen großen Zusammenhang bis zum Schluss ungeahnten Ausmaßes setzt. Ein Zusammenhang, dessen Mittelpunkt und Dauer erst im knisternden Finale kurz vor dem Einstieg in ein kleines Flugzeug restlos deutlich werden wird.

 

Insgesamt somit ein nicht unbedingt das Genre neu erfindender Thriller mit vielfach vertrauten „Spannungsbietern“, in dem Millar zum Ende hin dennoch mit überraschenden Wendungen aufzuwarten versteht und ein komplexes Ganzes vor Augen führt.

 

Spannung und gute Unterhaltung sind daher gegeben.

 

M.Lehmann-Pape 2014