Ullstein 2018
Ullstein 2018

Lutz Wilhelm Kellerhoff – Die Tote im Wannsee

 

Mord im Berlin der 1968er Jahre

 

Zunächst sieht es aus wie ein „ganz normaler Mord“. Aus Leidenschaft. Oder wegen Unbeherrschtheit (der Ehemann prügelt ganz gerne). Oder auch, das kann sein, mit Verbindungen ins Torlichtmilieu. Denn Heidi Gent war anregende gekleidet und hatte ein Einkommen, dass ansonsten wenig erklärlich wäre.

 

Was sich alles erst herausstellt, als die junge Mutter tot im Wannsee, in der Nähe des Strandbades, gefunden wurde und Kommissar Keller seine Ermittlungen aufgenommen hat.

 

Das da ein Berliner Fußballstar beteiligt ist und dass der Ehemann der Ermordeten kryptisch darauf hinweist, dass im Hintergrund der Tat noch ganz andere Verbindungen zu finden sein könnten, hilft Keller erst einmal nicht weiter. Denn Näheres will ihm keiner der beiden Männer mitteilen. Wobei der Leser einen Wissensvorsprung durch eine zweite Perspektive der Geschichte erhält, die aus dem anderen Teil der geteilten Stadt mitmischt. Dennoch bleibt die Frage, was genau passiert ist und wie das alles zusammenhängt genügend (und spannend) offen, um, trotz mancher Vorhersehbarkeiten, die ein oder andere überraschende Wendung zum Schluss platzieren zu können.

 

Wobei fast gleichwertig zum Fall an sich das Autorentrio, sehr gelungen (auch wenn, außer Wilhelm, keiner der anderen Autoren vom Alter her auch nur eine persönliche Ahnung vom Zeitgeschehen damals haben kann) und treffend die Atmosphäre jener Zeit in Berlin im Roman dargestellt wird.

 

Dutschke bereits Opfer des Attentats, Springer der Todfeind, Wohlleben und andere Teil einer Wohngemeinschaft mit radikalen Ansichten (und „Mollies), Langhans und Obermaier, endlose Diskussionen im SDS und in den Hörsälen, Frauen, deren Rolle bei all der Revolution weitgehend tradiert verstanden ist (wehe, die Revolutionäre haben Hunger und „das Weib“ stellt nicht schnell genug die Spaghetti auf den Tisch).

 

Und dazu die andere, die politische Seite. Spionage, gesperrte U-Bahnhöfe, dunkles Treiben hinter den Kulissen.

 

Und ein Treiben in manchen Toilettenhäusern und Clubs, laut Paragraph 175 natürlich damals noch strafbar, ein Trieben, dass Menschen (Männer natürlich)  erpressbar macht, dass Abgeordnete und Senatoren ebenso betrifft wie andere Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses, dass auf Ressentiments bei den Beamten trifft (Kommissar Doll, Unsympath, aber auch Sammelfigur für all jene restaurativen Tendenzen im Buch), vor allem aber „leichte Beute“ ergeben würde, würde es jemand darauf anlegen.

 

Wobei es genügend politische und egozentrische Interessen im Buch gibt, die es darauf anlegen würden.

 

Dass zudem auch die persönlichen Seiten (nicht aller, aber ausgewählter Protagonisten) atmosphärisch gut mit all dem verknüpft werden (Keller hat privat einiges zu Schultern, nicht nur mit seiner Vermieterin, auch mit seiner Schlafstörungen und den kleinen Keksen, die dabei helfen könnten, wobei er zudem im Lauf der Ereignisse mehr und mehr auch iein persönliches, familiäres Interesse am Fall erhält. Wie auch Louise, WG-Mitbewohnerin, langsam aber sicher innerlich Reibung verspürt beim Anblick der Trennung von Theorie und Praxis ihrer „so freien“ Kommunarden) rundet das anregende Gesamtbild des Kriminalromans gelungen ab.

 

„Und jetzt? Nach Hause? Wozu?“.

 

Das wird sich zeigen.

 

Alles in allem ein, vor allem , was die Atmosphäre jener Zeit und das Lokalkolorit Berlins der 68er Jahr angeht, gelungener Roman, der zwar etwas vorhersehbar daherkommt, dennoch aber bis zum Ende fesselt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2018