C.Bertelsmann 2010
C.Bertelsmann 2010

Majgull Axelsson – Eis und Wasser, Wasser und Eis

 

Die Rache des Erfolgs

 

In intensiven, ruhigen, gemächlich erzählten Sprachbildern breitet Majgull Axelsson ihre Geschichte aus, beginnt aber zunächst mit einem Paukenschlag. Susanne, eine erfolgreiche Kriminalschriftstellerin, hat sich auf einem Eisbrecher eingeschifft, der zu Forschungszwecken Richtung Nordpol unterwegs ist. Erst später wird klar, dass ihre Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter, ebenfalls zur See gefahren ist und diese Reise eine Art Reminiszenz der lebenserschöpften Susanne an die Tante, an die eigene Familie ist.

 

Doch von Beginn an muss sie feststellen, dass noch jemand der 67 Personen an Bord einen Schlüssel zu ihrer Kabine besitzt, denn ständig findet sie obszöne Spuren und massive Drohungen in ihrer Kabine vor. Wer aber kann das sein und, vor allem, warum hat er es auf Susanne abgesehen?

 

Was wie ein klassischer, klaustrophobischer Thriller beginnt (das altbekannte Katz und Maus Spiel auf einem begrenzten Raum auf hoher See), ändert dann allerdings nach diesem Thriller Beginn ungewöhnlicher Weise nicht nur den Fokus der Geschichte (um doch immer wieder auf diese Situation an Bord zurück zu kehren), sondern auch Duktus und Fluss der Sprache. In einer parallelen Handlung gewährt Majgull Axellsson einen gründlichen Rückblick auf die Familiengeschichte Susannes. Ihre Großeltern, von denen der Großvater den Freitod wählte, ihre Mutter Inez, die mit ihrer Zwillingsschwester Elise eng verbunden aufwuchs, bis plötzlich ein Bruch zwischen die Geschwister tret. Inez, die die Frucht der ungewollten Schwangerschaft Elises, Björn, mit aller Kraft bei sich haben wollte und, als die die Pflegschaft übernommen hatte, diesen Björn auch nie mehr loszulassen gedachte. Inez, die Birger heiratete, den Mann mit den verschieden großen Füßen, der ständig stolpert, aber den längsten Atem hat und auf seine Art und Weise sanft diktatorisch das Leben der Familie bestimmte.

 

In intensiver Dichte erzählt Majgull Axellsson diese Familiengeschichte voll von merkwürdigen Personen und, vor allem, geprägt von weitreichender, innere Auflösung der einzelnen Personen. Eine zusammenprallende Auflösung, die in dem Augenblick eskaliert, als Björn verschwindet. Gerade hatte er den Part des Sängers einer Pop Band übernommen, war auf dem Weg, eine echte Berühmtheit zu werden und nach einem harten Zusammenstoß mit einem Konkurrenten ist er nun nicht mehr auffindbar.

 

Was aber verbindet beide Geschichten? Worin fallen die Handlungsstränge der dramatischen Kleinstadtereignisse vergangener Tage mit den bedrohlichen Momenten an Bord des Eisbrechers zusammen? Es gibt sie, diese Verbindung, aber um diese Verbindung und ihre Bedeutung ganz erfassen zu können, muss man schon bis zur fast letzten Seite des Buches vordringen.

 

In einem fast gemächlich zu nennenden Tempo, das aber zu keiner Zeit langweilt, dringt Axelsson tief ein in die Personen ihrer Handlung. Erzählt und beschreibt auch scheinbar unwichtigste Kleinigkeiten, Ereignisse, Handlungen im Leben ihrer Protagonisten und legt so ein ungeheuer dichtes Bild der gegenseitigen Verflechtung und eines langsamen Abgleitens der einzelnen Personen in sich und voneinander vor. Sprachlich kompetent und mit großer Bildkraft erzählt sie auf diese Weise eine ganz außergewöhnliche Geschichte eigentlich doch ganz normal wirkender Menschen, in deren Verlauf der eigentliche Kriminalfall fast nebensächlich wird. Empfehlenswert, wenn man sich die nötige äußere und innere Zeit für die ruhige Erzählkunst des Buches zu nehmen versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2010