Molden 2013
Molden 2013

Manfred Koch – Kaltfront

 

Liebe, Schuld und Tod

 

Es wird eine ganze Weile dauern, bis der Leser in den vielfachen und wortreichen „Ausflüssen“ des Markus S. (aus dessen Perspektive Koch diesen Roman erzählt) eine erkennbare Struktur entdeckt. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass jener Markus hier und da dazu neigt, sich die Welt ein wenig zurecht zu biegen. Eigene Versäumnis, Schuld, eigenes, auch schweres Vergehen, erst einmal an den Rand zu schieben und, vor allem, dem Leser ein wenig schön zu reden.

 

Aber ganz so einfach hat es dieser Markus auch nicht, vor allem nicht mit seinem Bruder. Nach dem plötzlichen Tod der Eltern war er als großer Bruder verantwortlich für den kleinwüchsigen, instabilen Thomas. Der so auf sich bezogen, so innerlich unberechenbar und schwankend in der Welt steht (und stand), dass Markus mehr angewidert als mit Sympathien diesem gegenüber steht. Zum Glück war ja genug Geld als Erbe da, das er sich in früheren Jahren nicht wirklich kümmern musste. Um einen, der sogar Roswitha, die erste Liebe des Markus, emotional mit in Beschlag nahm. Roswitha, die plötzlich nicht mehr da war, was Thomas auf längere Sicht hin wesentlich schlechter verkraftet als Markus. Mit Grund übrigens, wie sich im Lauf der Geschichte bei dem zeigen wird, was zwischen Markus und Roswitha wirklich geschehen ist.

 

„Keine Ahnung, was mich davon abhielt, Thomas zu erklären, er solle mich mit seinen Problemen in Ruhe lassen“. (Vor allem mitten in der Nacht).

 

In der Gegenwart der beiden nun erwachsenen, aber nur oberflächlich gestandenen scheinden Brüder hat Tanja, Thomas Frau, einen Selbstmordversuch unternommen. Und das nicht einfach so. War es aber wirklich eine Vergewaltigung, die sie zu diesem Schritt trieb, wie Thomas es fest annimmt? Tanja liegt im Koma und kann keinen Aufschluss geben, Thomas aber hatte ja schon immer eine rege und vorschnelle Fantasie. Er geht in Spur. Den wird er finden. Und Markus hat zu helfen. Dafür ist er doch da.

 

Aber jener Markus hat eine ganz eigene Geschichte, hat Tiefen, die zu Beginn des Buches kaum zu ahnen sind und die erst (Zeitsprung) Jahre später durch eine Psychologin angegangen werden. Zu einem Zeitpunkt, an dem der Leser längst den ganzen Untiefen und gegenseitigen verdeckten Verhältnissen durchaus gebannt folgt. Mit einem leichten Gefühl des Angewidert seins, denn wirkliche Sympathieträger sind weder Markus noch Thomas. Ganz im Gegenteil, wie beide sich ihre Welt zurecht legen, wie sie ohne Rücksicht auf andere „Ihr Ding“ machen, das geht schon auch unter die Haut und ist ein symbolischer Hinweis darauf, dass es „in der Welt kalt wird“. Eine „innere Kaltfront“, die fast mythischer Weise ganz am Ende des Buches sich noch vollends Bahn brechen wird und damit aufzeigt, wie es um Markus S. innerlich wirklich bestellt ist.

 

Nicht immer temporeich und spannend allerdings geht es voran. Ins einem Bemühen, den Leser in die tiefsten Tiefen der Persönlichkeit gerade des Markus zu führen, bietet Koch viele Worte, einen ganzen Fluss von Worten, Betrachtungen, Selbstmitteilungen und Darstellungen, wie er die Welt sieht, bei jenem Markus auf. Nicht alle dieser Sequenzen und Nuancen wären zum Verständnis des Geschehens nun unabdingbar nötig gewesen, Längen, auch hier und da leichte Verwirrungen stellen sich manches Mal ein, neben den meist gelungenen Passagen der psychologischen „Entfaltung“ und den treffend gezeichneten und wichtigen Frauengestalten um Markus herum.

 

Alles in allem ein hier und da leicht ausufernden, durchaus aber emotionsreicher und faszinierender Blick in die Abgründe von Menschen, in spannungsreiche Beziehungen, die auch die Entwicklung einer zunehmenden inneren Kälte gut ins Bild rückt.

 

M.Lehmann-Pape 2013