Blanvalet 2014
Blanvalet 2014

Marc Elsberg – Zero

 

Schöne neue Welt…..

 

Google-Glasses können äußerst gefährlich werden. Nein, für den Träger nicht nur ob der lückenlosen Überwachung und der offenliegenden Daten für den Anbieter der Dienste. Ganz real gefährlich.

 

Da, wo in London eine Flut von grünen Texten über die Gesichtserkennung der unzähligen Passanten vor den Augen abläuft, nur bei einem der Männer nicht. Der wird rot angezeigt. Ein Alarm wird über die Vibration der Brillenbügel auf die Ohrknochen übertragen.

 

Das würde schon reichen. Adam Denham wählt auch den Notruf an, macht sich dann aber an die Verfolgung des gesuchten Straftäters. Mit bitteren Folgen.

 

Auch das kann passieren. Weiß man aber, dass Denham vor einiger Zeit noch ein ängstlicher, übergewichtiger Teenager war und im Lauf der letzten Monate sich körperlich fit entwickelt hat, zudem eine merkwürdige Form des Mutes in ihm gewachsen ist und zählt man dazu, dass just seit dieser Zeit Adam Denham eine Reihe von „Optimierungsprogrammen“ des Onlinedienstes „Freeme“ benutzt hat, dann verbinden sich plötzlich Fäden miteinander, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte.

 

Wie man so einiges andere nicht auf dem Schirm hatte, was Elsberg plastisch und durchaus spannend beschreibt. Techniken der Datensammlung und der Überwachung, des Eindringens nicht nur in die Privatsphäre durch Onlinedienstes, sondern quasi bis in das eigene Denken hinein.

 

Was man sieht als die Journalistin Cynthia Bonsant einen einfachen Einkauf erledigt. Mit Google-Glasses auf der Nase wird das zu einem Erlebnis der ganz anderen Art.

 

Als dann auch noch kleine Drohnen den Präsidenten der USA bis in seine Garage hinein verfolgen können, als ein ominöser Internet-Aktivist Namens „Zero“ dafür verantwortlich zeichnet und nicht müde wird, auf die Gefahren des „gläsernen Menschen“ hinzuweisen und als zu guter Letzt dem Leser schwant, dass „Freemee“ deutlich mehr im Sinn hat, als ein Einkaufs- und Fitnessberater zu sein, da befinden sich die Protagonisten, jeder auf seine Weise, bereits mitten drin in der Gefahr. Für sich selbst und für das „große Ganze“.

 

Denn Freemee führt Experimente durch. Zur „Verbesserung der Welt“, zumindest aus der eigenen Sicht heraus.

 

So vermischt Elsberg gekonnt die verschiedenen Ebenen seiner Geschichte und der „digitalen Realität“. Alle Techniken, die er im Buch beschreibt, sind bereits real und werden zumindest im Kleinen bereits genutzt und erprobt.

 

Die Motivation der Daten- und Dienstanbieter, durchaus realistisch wirkt, wie Elsberg diese mehr und mehr offen legt. Realistischer zumindest als der hehre „dienende“ Gedanke, der auch in der realen Welt gerne vollmundig verfochten wird.

 

Daten sind Kapital, Wissen ist Macht, weitgehend umfassende Überwachung jedes einzelnen möglich. Ohne große Mühe, eine NSA braucht es dafür gar nicht mehr.

 

 

 

Kompetent, spannend, beängstigend im Setting, nach der Lektüre bleibt mehr als ein ungutes Gefühl, dass das hier alles keine Science-Fiction darstellt, sondern genau jene bereits reale Welt, an der jeder einzelne schon aus reiner Bequemlichkeit und bewusst sich unwissend lassend aktiv teilnimmt.

 

M.Lehmann-Pape 2014