S.Fischer 2013
S.Fischer 2013

Marisha Pessl - Die amerikanische Nacht

Jagd nach einem Phantom

Sprachlich ausgereift, im Stil eines „Film Noir“, führt Pessls neuer Roman den Leser mitten hinein in eine Welt der dunklen Seiten menschlicher Vorstellungskraft.
In die Suche nach einem sagenumwobenen Regisseur. Eine Suche, die bald selbst den Boden der Realität zu verlassen scheint und Fantasie, Film und Realität verschachtelt miteinander verweben wird. In einer Atmosphäre und einer Ausgestaltung, die an Filme wie „Shutter Island“ erinnert und den Leser ein ums andere Mal ins starke Überlegen bringen wird  (wie die Hauptfigur des Romans ebenso), ob hier noch alles mit rechten, rationalen Dingen zugeht. Oder ob schwarze Magie im Spiel ist . Der Teufel. Oder ob gar  im Geheimen eine Kamera mitläuft und all die Ereignisse filmt, deren Drehbuch eine überlegene Hand im Hintergrund geschrieben hat.

„Ich wusste nicht, wie es ausgehen würde oder was mich erwartete, wenn es vorbei war - ob ich auf Trümmer blicken und meine Geschichte als böse und verroht ansehen würde, oder ob ich mich selbst in dem, was er getan hatte, wieder erkennen würde“.

Der Journalist Scott MacGrath war einmal besessen davon, die Hintergründe des Filmemachers Stanislaus Cordova aufzuklären, den er für eine Art Snuff-Filmer hält.
Ein Gestalter von Horrorfilmen, welche die Grenzen des Erträglichen ausloteten. Mit dem Ziel, die Menschen, die seine Filme sehen, zu „reinigen“ durch Dunkelheit. Was immer das genau heißen mag. „Keiner sieht einen Film von Cordova und bleibt unverändert“, so heisst es unter seinen Fans und Gegnern.
Einer, der seit 1977 bereits wie vom Erdboden verschwunden scheint.

Ein Mann, der MacGrath bei seinen damaligen, ersten  Recherchen in eleganter, strategisch überlegener Weise auflaufen lief. Ein Scheitern an der Recherche, welches  Macrath seine Ehe kostete, seinen Ruf zunächst ruinierte und seine Ersparnisse aufgebraucht hatte.

Verständlich, dass sich MAcGrath seitdem weit fern hielt von jenem Mythos Cordova.
Doch nun begeht  Ashley, Cordovas Tochter, Selbstmord. In New York. Ganz in der Nähe von MacGrath. Und Zeichen in der Umgebung MacGraths deuten darauf hin, dass sie vor ihrem Freitod genau ihm etwas mitteilen wollte. Das alte Fieber erwacht.
In Nora, einer sehr jungen Frau und Hopper, einem jungen Mann, findet er, wie durch Zufall, zwei Assistenten, die ihn unterstützten und ihm eher zufällig zu begegnen scheinen.

Doch warum weiß Nora soviel von den Filmen des Cordova?
Wieso kennt sich Hopper so gut aus in der Persönlichkeit jener Ashley?
Kann MacGraths Freund Beckman, ein Professor der Filmgeschichte und Cordova Experte helfen? Oder bedarf es dazu gar der merkwürdigen Gestalten aus dem esoterischen Shop, auf die MacGrath treffen wird und die ihn vor allem erst einmal mit „Umkehrkerzen“ ausrüsten werden. In einer Suche, in der MacGrath ein um das andere Mal Kernelemente aus Cordovas Filmen real unterkommen, ihm passieren.

Vielleicht findet sich die Lösung des Rätsels auf jener ominösen Internetpräsenz, die von Cordovas  Fans betrieben wird. Oder gar auf dem Gelände von „The Peaks“, Wohnort des Regisseurs, wo alle Filme gedreht wurden und alle Requisiten noch zu finden wären.

Person über Person sucht MacGrath auf und findet immer mehr Anzeichen dafür, dass all das, was ihm gerade begegnet, wie arrangiert wirkt, ohne, dass er begreifen würde, wohin das alles führt. Außer in große Gefahr, das scheint klar.

Eine Gefahr, ein subtile Bedrohung, die Pessl intensiv spürbar immer am Rande, im Hintergrund mitlaufen lässt. Bis hin zum ersten Finale des Buches (welches noch lange nicht das Ende der Geschichte markiert). Eine Gefahr, die sich auf MacGraths kleine Tochter mit ausweiten wird und der er weitgehend hilflos gegenüber steht.

Eine spannende, verschachtelte, intelligente Geschichte ist es, die Pessl in düsterer Atmosphäre gestaltet und deren ständige Drehungen und Wendungen sie souverän beherrscht. Bis alle Fäden sich entwirrt haben und die Grenze zwischen Magie und geschickt arrangierter Realität sich dem Leser deutlich zeigen wird.

Ein sehr empfehlenswerter „Noir“ Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2013