C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Martin Cruz Smith – Tatjana

 

Spannung in dichter und realistischer Atmosphäre

 

Das „Klima“ in Russland, diese Mischung zwischen Oligarchie, Feudalismus, Polizeistaat und ständiger Gefahr für all jene, die sich nicht ducken, das ist, nicht nur in seinem neuen Roman, eines der Kernthemen von Martin Cruz Smith. Und wenigen neben ihm gelingt es, diese Atmosphäre von Aufbegehren und Angst, von Gewalt und Widerstand, von einem „Häuflein Aufrechter“ gegen Polizei und (fast) das gesamte Rechtssystem so spannend und dicht in Worte zu fassen, wie es Cruz Smith auch in „Tatjana“ wieder organisch von der Hand geht.

 

Allein schon die Schilderung einer Demonstration aus „Innensicht“ heraus, vermag in wenigen, klaren Bildern den alltäglichen Druck, gerade auf „freie“ Journalisten, fassbar in den Raum zu stellen. Und Arkadi Renko, der ganz andersgeartete Polizist und Ermittler, einer, der auf der Seite der „Freien“ steht, einer, der in seiner eigenen Abteilung kaum mehr als ein Fremdkörper ist, steckt mitten drin in der Auseinandersetzung. Samt gebrochener Rippe und beschädigter Lunge, nach Ende der Demonstration.

 

Doch dies sind fast nur Nebensächlichkeiten, denn etwas anderes treibt ihn um. Zwei Todesfälle kurz hintereinander. Mit keiner offensichtlichen Verbindung (ein Krimineller und eine mutige Journalistin) und doch ahnt Renko, dass es einen Zusammenhang gibt. Und macht sich auf, hartnäckig und ohne Rücksicht auf sich selbst, da zu ermitteln, wo es keine offiziellen Ermittlungen geben soll. Denn der Tod der Journalistin wird als Selbstmord umgehend zu den Akten gelegt.


Warum aber hat die Nachbarin Geräusche aus der Wohnung gehört, bevor Tatjana vom Balkon sprang? Warum ist die gesamte Einrichtung der Wohnung zerlegt und, einen Tag später, die Wohnung komplett leer geräumt? Was hat das alles mit den kodierten Notizen eines Dolmetschers zu tun und wer ist die männliche Leiche, die am Ufer angespült wurde?

 

Es dauert nicht lange, und Renko wird, wieder einmal, klar, dass er inmitten des Wespennestes politisch und wirtschaftlich hoher Ränge hineingestochen hat. Mit Folgen. Für ihn und seine Freunde.

 

„Renko, warum klingen Sie immer wie ein Ermittler“?

„Gewohnheitssache“.

 

Trocken und klar, tief umgeben von einem Hauch Wehmut, Weltferne und Lebensunlust, so stellt Cruz Smith seinen Renko seit Jahren in das Tosen des Geschehens in Russland und dekliniert an seinem Ermittler die Korruption und die direkte Gewalt gegen jeden, der den Interessen der Mächtigen im Wege steht, durch.

 

Einer mit „jeder Achtung“ vor dem Selbstmord, die denkbar ist.

Erlebt an Vater und Mutter und selbst eher durch Zufall nicht durch eigene Hand bereits Verstorben. Und gerade weil der Suizid für ihn mit Respekt verbunden ist, kann er lapidare und schlampige Verdeckungen nicht durchgehen lassen. Und kompromisslos vorgehen, denn an ihm selbst liegt Renko wenig.

Fast gegen alle anderen, bis auf die zwei, drei Unterstützer, die er findet angesichts der Übermacht von Gewalt, Macht und Geld.

 

Spannend, temporeich, in bedrückender Atmosphäre auch des modernen Russlands und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen bietet Cruz Smith auch in seinem neuen Roman beste Unterhaltung, einen verwickelten Fall, Gefahr, Gewalt und eine gehörige Portion realistischer und überzeugender Gesellschaftskritik an jener „lupenreinen Demokratie“, die nur in Behauptungen besteht. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und wird bis zur letzten Seite den Leser fesseln.

 

M.Lehmann-Pape 2013