Heyne 2011
Heyne 2011

Mary Higgins Clark – Ich folge Deinem Schatten

 

Solides Handwerk

 

Mit klarer Gliederung, überschaubar kurzen Kapiteln und einem durchgehenden roten Faden, an dem sich von Beginn an die verschiedenen Handlungsstränge orientieren konzipiert Mary Higgins Clark ihren neuen Thriller.

 

Ebenso klar gegliedert und überschaubar ist das „Personal“ des Buches. Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist von Beginn letztlich klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. Zudem zeigen alle Personen  (auch hier mit 1-2 Ausnahmen) stringente Handlungsweise. Überraschende Wendungen in den persönlichen Entwicklungen, Schattierungen, die auch unverhoffte Schattenseiten einmal zutage treten lassen könnten, sind weitestgehend Mangelware im Buch.

 

So ist eigentlich von Beginn an zwar nicht klar, wer der eigentliche Täter ist (das fast einzige Überraschungsmoment später im Buch), aber klar ist, welchen Verlauf die Geschichte aller Wahrscheinlichkeit nach nehmen wird. Angedeutete Spannungselemente (die Gefahr für den Beichtvater in der Kirche) werden letztlich nicht ausformuliert und treten somit auch nicht in den Fokus des Geschehens.

 

2 ½ Jahre zuvor ist in einem Park am helllichten Tag unter Betreuung einer Babysitterin der kleine Matthew, Zans Sohn, entführt worden. Nun, an seinem 5. Geburtstag, treten plötzlich neue Indizien in den Raum, vor allem ein Bild des besagten Vorgangs. Deutlich erkennbar ist, dass die Frau, die Zan aus seinem Kinderwagen damals hob, der Mutter, Zan, zum Verwechseln ähnlich sah. Eine Verwechslung, die auch in der Gegenwart eine Rolle spielt, denn durch die Videoüberwachung einer Kirche steht ebenso im Raum, dass jene „Doppelgängerin“ bei einer Beichte vorsprach, schnell aber fluchtartig die Kirche wider verließ. Natürlich ist der ehemalige Ehemann und Vater von Matthew schockiert, natürlich stürzt die Presse sich auf  diese Informationen und die vermeintliche Sensation und natürlich ist Zan bis ins Mark getroffen und setzt alles (vor allem sich selbst) in Bewegung, ihren Sohn zu finden und zu klären, w er diese ominöse Frau sein könnte.

 

Ein Setting, dass durchaus hätte dazu dienen können, intensive Verschachtelungen in den Raum zu setzen und beim Leser die Spannung hoch zu halten, ob Zan vielleicht gar an Schizophrenie leidet. Gemeinsam aber mit einem befreundeten, älteren Ehepaar (dass zufällig und doch ein wenig unglaubwürdig, entscheidende Bekanntschaften pflegt, die später zur Auflösung des Falles führen werden) legt Higgins Clark den Ablauf und die Zeichnung er Figuren von Beginn an so an und offen, dass ein solcher Verdacht im Leser gar nicht erst wirklich Fuß fassen kann. Die Zeichnung der Figuren wiederum liegt zu stereotyp vor, als dass hier eine Spannung aufgrund innerer, psychischer Vorgänge und Entwicklungen durchgängig vorhanden wäre.

 

Eine interessante Grundidee, eine durchgängig klar gegliederte Geschichte, die den Leser nicht überfordert und jederzeit den Überblick im Raume lässt, die ein oder andere gefährlich wirkende Situation und eine obligatorische „Täterüberraschung“ zum Schluss hin bieten im Gesamten aber zuwenig für ein herausragendes Leseerlebnis.

 

Mary Higgins Clark legt einen soliden, handwerklich gut gemachten, aber letztlich doch einförmigen und zu durchschaubar konzipierten Thriller vor, der in Teilen durchaus unterhält, aber nicht wirklich zu fesseln vermag.

 

M.Lehmann-Pape 2011