C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Matt Beynon Rees – Mozarts letzte Arie

 

Ein musikalischer Kriminalroman

 

„Die Kompositionen ihres Bruders waren auf eine Art und Weise unwiderstehlich, wie es meinen Argumenten im kaiserlichen Rat niemals möglich gewesen wäre“.

In solcher Art äußert sich Baron von Swietzen dem „Nannerl“ gegenüber.

 

Wolfgang Amadeus Mozart ist tot. Wochen zuvor sprach er davon, vergiftet worden zu sein und seine Schwester Nannerl macht sich auf nach Wien. Sie, die seit Jahren mit Wolfgang kaum mehr Kontakt pflegte, ihm sein väterliches Erbe aus Eifersucht mit vorenthielt, ist innerlich kaum in der Lage, das Geschehen zu fassen.

 

In Wien gerät Nannerl schon nach kurzer Zeit in den Sog der Ereignisse um ihren Bruder herum. Ein Sog, der mit Freimaurern, Geheimlogen, Illuminaten, der großen Politik der damaligen Zeit und der Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen zu tun hat. Und ein Sog, der sie selbst im Innersten auch persönlich nicht unberührt lassen wird, angesichts eines attraktiven Barons und auf dem Hintergrund der eigenen, drögen Ehe. Bis auch sie, wie ihr Bruder zuvor,  zum Ende des Romans hin schmerzhaft feststellen muss, dass die Wege der Politik keine Wege sind, denen man sich mit naivem Denken nähern darf.

 

Auf der Basis historisch gesicherter, dann aber frei interpretierter, Tatsachen entfaltet Matt Beynon Rees einen durchaus spannenden, vor allem aber gesellschaftlich und musikalisch intensiven Blick in die Zeit der gerade stattfindenden französischen Revolution und der sich weltweit ändernden gesellschaftlichen Verhältnisse Ende des 18. Jahrhunderts. Ereignisse, die Mozart selbst intensiv verfolgte und in der ihm eigenen, überschwänglichen, mitreißenden und dennoch „verborgenen“ Art musikalisch als (geheime) Botschaft vermittelte.

Die mit ihm Mittelpunkt der Ereignisse stehende „Zauberflöte“ wird so in der Interpretation im Buch viel, viel mehr als „nur“ geniale Musik.

 

In gleicher Weise wie auf den stimmigen sozialen Hintergrund und die intensive Auseinandersetzung mit der Musik Mozarts achtet Rees ebenso auf die sorgfältige Gestaltung seiner Figuren, in denen jederzeit Überraschungen zu Tage treten können und dadurch sehr differenziert ihre miteinander verschlungenen Wege im Buch gehen.

 

„Die Wahrheit. Die Wahrheit. Wäre sie auch Verbrechen“.

Dieser Vers aus der Zauberflöte steht dabei wie ein inneres Thema im Roman. Nannerl auf der Suche nach der Wahrheit und den Wahrheiten, hinter denen auch an ganz überraschenden Orten Verbrechen lauern kann. Es wird eine Weile dauern, bis Nannerl hier die Spreu vom Weizen trennen kann, aber erst fast ganz zuletzt wird ihr in Gänze klar sein, wer Freund und wer Feind ist und was die Hintergründe all des Geschehens um Mozarts Tod waren.

 

„Wolfgang schenkte uns diese dissonanten Momente (in seiner Musik), als würde man uns aus dem sicheren, warmen Bett herausziehen“.

Wie Mozart es mit seiner Musik unnachahmlich verstand, versteht es auch Rees durchaus packend (auf natürlich nicht ganz so genialer Ebene), seine Leser mit in Mozarts Welt, in seine Musik und in die Ideen und Ereignisse seiner Zeit zu ziehen. Und in die fast mythisch verbundene Welt der Geschwister Mozart.

Ein intensives, atmosphärisch gelungenes, emotional dichtes und anregendes Leseerlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2012