S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Max Landorff – Die schweigenden Frauen

 

Der Regler regelt sich selbst

 

Da war dieser erste Auftrag, den Gabriel Tretjak und Joseph Lichtinger damals, als Jungs fast noch, durchgeführt haben.

 

Tratjak wurde danach der, der anderen nicht nur „etwas“ (das auch), sondern in Teilen „das ganze Leben“ neu regelt. Bis hin zum völligen Verschwinden aus dem alten Leben.

 

Joseph Lichtinger demgegenüber wurde Priester. Was kaum einer für möglich gehalten hätte und was ihn bis auf den heutigen Tag vor zumindest ein gravierendes Problem stellt.

 

Lange ist das her und aktuell steht Tretjak vor dem Entschluss, sich selbst aus seinem bisherigen Leben heraus „regeln zu wollen“. Alles ist vorbereitet.

 

Joseph Lichtinger steht vor dem Zwang, wohl „geregelt werden zu müssen“.

 

Gabriels Geliebte regelt in der Zwischenzeit eine drohende Gefahr mal lieber selbst, das kann ja nicht schaden angesichts der neuen Firma, die sie im ganz neuen Leben mit Tretjak bereits mit diesem gegründet hat.

 

Kommissar Maler kämpft vorrangig gegen die Folgen seiner Herzprobleme und übersieht, dass seine eigene Ehefrau von den aktuellen Morden an Prostituierten über die Maßen hinaus mitgenommen wirkt.

 

Tote „käufliche“ Frauen. Teils brachial zugerichtet. Ohne, dass zunächst ein verbindendes Element zu sehen wäre. Warum aber findet sich der Kopf einer dieser Frauen in der Kirche des Lichtinger wieder und deren Beine sauber eingepackt im Mietappartement Tretjaks?

 

Kann es sein, dass jemand mit einem von beiden oder mit beiden noch eine Rechnung offen hat und kann es sein, dass die Hintergründe der Taten nicht nur in der Gegenwart, in diesem ominösen „Kongress der schweigenden Frauen“ zu finden sind, sondern in ferner Vergangenheit schon ihren Anfang nahmen?

 

Wie gewohnt fast (zu) unterkühlt lässt Landorff die Ereignisse ihren Lauf nehmen und schafft es doch, dem Leser einen tiefen Blick in seine Protagonisten hinein zu gewähren. Ein dichtes Netz aus alten und neuen Abhängigkeiten, aus damaligen und gegenwärtigen Ereignissen bildet den „Teppich“ dieses Thrillers, in dem sich vor allem die Gestaltung des Joseph Lichtinger noch ein Stück mehr heraushebt, als die der anderen Figuren.

 

Wie nebenbei schildert Landorff zudem die „privaten Ansprüche“ da „ganz oben in der Gesellschaft“, dies allerdings eher als Plattitüden und wenig ausgereizt.

 

Zudem verbleiben doch einige der Figuren zu blass am Rande.

 

Was es mit dem Prolog und Epilog wirklich Wichtiges auf sich hat, erschließt sich auch nach der Lektüre nicht ganz (auch wenn klar wird, wer da wer ist).

Wie auch der „Showdown“ zu lapidar, zu beiläufig, zu indirekt daher kommt, um den Leser wirklich zum  Ende des Buches hin zu fassen und zu fesseln.

 

 

Im Gesamten ein intelligenter Thriller, der einiges an Rätseln aufgibt und seine Personen „mitten aus dem Leben“ heraus mit vielfachen Brüchen und differenziertem Hintergrund heraus gestaltet, der aber zu oft auch in der Schilderung vage verbleibt und daher keinen durchgehenden Spannungsbogen zu setzen vermag.

 

M.Lehmann-Pape 2014