Droemer 2014
Droemer 2014

Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung

 

Mädchenhandel en Gros

 

Hoch aktuell stellt sich das Thema des neuen Kriminalromans von Mechthild Borrmann dar, zumindest soweit es die Ukraine angeht. Jenes gebeutelte Land, in dem Walentyna in Entfremdungszone“ lebt, dem Sperrgebiet um Tschernobyl herum. Als Armutsgründen, aber auch, weil dies ihre eigentliche Heimat ist.

 

Wie das war zu Sowjetzeiten, wie das war mit dem GAU, wie das heute ist, von der Hand in den Mund leben zu müssen in Ruinen, das ist die eine Seite des Buches, die Borrmann immer  in Form der Lebensgeschichte Walentynas aufgreift.

 

Aber damit nicht genug. Dieses ominöse „Austauschprogramm“ der Universität in Kiew, im Laufe dessen seit einigen Jahren mindestens hundert junge Mädchen auf bisher Nimmerwiedersehen im „Westen“ verschwunden sind (offiziell als Austauschstudentin), unter anderem auch Walentynas Tochter und deren beste Freundin, scheint ein „Fass ohne Boden zu sein“, in dem Mädchen gleich dutzendfach verschlungen werden.

 

Gut, dass sich Leonid auf eigene Motivation hin hinter diesen Fall klemmt. Das wird in seiner Abteilung der Kriminalmiliz mit ihren vielen, dunklen Verbindungen in alle Richtungen hin, nicht gerne gesehen.


Trotz des Ärgers reist Leonid per Bus nach Deutschland, auf der Suche nach Spuren der vielen, vermissten Mädchen.

 

Während all dessen Matthias Lessmann eigentlich  nur in Ruhe gelassen werden will. Seit sechs Jahren Witwer, irgendwo in einem kleinen Dorf nahe der holländischen Grenze reichen ihm seine Hündin und seine Schafe völlig aus.

 

Klar, dass er diesen schicken Landrover mit den beiden düster wirkenden Männern gar nicht erst auf seinen Hof lässt.

Klar vor allem auch deswegen, weil er kurz zuvor eine unterernährte, nur im Nachthemd durch die winterlichen Temperaturen torkelnde Frau bei sich aufgenommen hat. Widerwillig, aber doch mit Mitleid.

 

Dass dieses Mädchen beim Wort „Badewanne“ ein inneres Träume erlebt und sich umgehend in Lessmanns Wanne versucht, die Pulsadern aufzuschneiden, dass dieses Mädchen auf wankenden Beinen dringend, so nötig auch zu Fuß, nach Nijmwegen will, all das sorgt für Kopfzerbrechen beim Witwer.

 

Aber die Männer kehren zurück und seine schöne Hündin Bella wird sich und Haus und Hof nicht konsequent verteidigen können. Woraufhin Lessmann zu Flinte und Patronen greift, und beginnt, das alles äußerst persönlich zu nehmen.

 

Realistisch gezeichnete Figuren, ein (wenn auch eher allgemein gehaltener) Einblick in die belastende Geschichte der Menschen um Tschernobyl herum, eine korrupte Miliz und ein schwankender Staat, all das verbindet sich mit einem durchaus interessanten (leider aber sehr vorhersehbaren) Kriminalfall des Mädchenhandels, den Borrmann recht flüssig und mit Tempo voranbringt. Hier wird allerdings der rote Faden zu oft durch die Rückblenden aus der „Entfremdungszone“ unterbrochen. Ebenso pflegt Borrmann eine sehr beschreibende, erzählende Sprache, der man an manchen Stellen eine höhere Emotionalität gewünscht hätte.

 

Die „Einführung der Mädchen“, das „Training“ für ihre eigentliche Aufgabe wäre ein solcher Ort gewesen, um die Ereignisse etwas länger und dichter abzuhandeln und damit dem Leser noch mehr die Chance zu geben, emotional Reaktion zu zeigen.

 

 

Alles in allem ein intensives Thema, dass Borrmann aufgreift und, trotz aller Vorhersehbarkeit der Ereignisse, im Blick auf die Verhältnisse in der „alten“ und „neuen“ Ukraine, durchaus spannend mit (klar gegliederten) Figuren umgesetzt.

 

M.Lehmann-Pape 2014