Droemer 2012
Droemer 2012

Mechtild Borrmann – Der Geiger

 

Verbannung im sowjetischen Russland und Mord in der Gegenwart

 

Eine Mischung der Genres ist es, die Mechtild Borrmann ebenso in ihrem neuen Roman vorlegt, wie auch ein Wechsel der Perspektiven und der historischen Zeiträume.

 

Als roten Faden verfolgt sie den Mord an einer jungen Frau, Viktoria, durch die Seiten des Buches. Ein Mord, bei dem der Bruder Viktorias, Sascha, unerkannt anwesend war. Die Geschwister hatten sich seit Jahren, seit der Zeit als sie Waisen wurden und in Heimen getrennt waren, aus den Augen verloren.

 

Parallel erzählt Borrmann die Geschichte des Großvaters und der Großmutter Saschas und Viktorias. Der Großvater, einer begnadeter Geiger, im Besitz einer Stradivari, wird von jetzt auf gleich im Russland der Nachkriegsjahre verhaftet und zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Großmutter ist tief erschüttert, denn sie glaubt, dass ihr Mann ohne die Familie geflohen ist und wird nun selber Opfer persönlicher Verbannung unter Verlust ihrer Bürgerrechte.

 

Beide Lebenswege finden sich nun ebenso Kapitelweise im Buch aus den Perspektiven von Ilja Grenko und seiner Frau Galina zu ihrer Zeit an ihren „Verbannungsorten“, wie Borrmann den Leser Sascha begleiten lässt, der im Nachlass seiner Schwester Hinweise auf das damalige Geschehen findet. Hinweise auf die Wichtigkeit der Stradivari für all das Unglück damals, aber auch auf Verbrechen seitdem. Saschas Eltern und Onkel fielen Unfällen zum Opfer, die keine Unfälle waren, seine Schwester erschossen und auch er selbst spürt, dass er sich im Fadenkreuz Unbekannter befindet. Aber warum?

 

Ohne die Lösung vorweg zu nehmen, das letztendliche Motiv für die Morde der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit ist sicherlich ein wenig schwach auf der Brust. Ob sich aus den genannten Gründen wirklich jemand zu einer Mordserie hinreißen lassen würde, darf bezweifelt werden. Wobei in Russland sicherlich die Uhren anders ticken und vieles denkbar ist. In sich logisch zumindest ist die Auflösung der Hintergründe auf den letzten Seiten des Buches durchaus.

 

Eindrucksvoll aber gestaltet Borrmann ihre Protagonisten ohne Frage, bis in Nebenrollen hinein wird das Eigenleben der handelnden Personen und deren Motive deutlich und kommt dem Leser nah. Ebenso bildreich und bedrückend gelingt es der Autorin, die Zustände im Straflager der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und die Härte gegenüber Verbannten an den äußeren Ecken des Reiches zur gleichen Zeit in den Raum zu setzen.

 

Mit einem Fingerschnipsen ändern sich ganze Schicksale, werden Menschen zerstört. Auch wenn Borrmann sich nicht in blutrünstigen Beschreibungen ergeht, die emotionale Lage im Gefängnis, die Folter und ihre Folgen, dies steht deutlich fühlbar im Raum und erreicht den Leser emotional durchaus.

 

In ruhigem Erzählfluss stellt Mechthild Borrmann eine Familiengeschichte dar, die sie durchaus spannend mit Verbrechen in der Gegenwart verbindet, wobei hier und da der ein oder andere Erzählstrang durchaus weitergeführt hätte können (Die Beziehung zwischen Sascha und seiner russischen Helferin). Trotz des etwas matten Motivs gerade für die Morde in der Gegenwart des Buches ist das Buch gut, informativ, in Teilen spannend und immer unterhaltsam zu lesen.


M.Lehmann-Pape 2012