btb 2015
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Melanie Raabe – Die Falle

 

Braucht seine Zeit

 

Ihre Schwester Anna wurde vor 12 Jahren brutal erstochen. Sie selbst, Linda Conrad, erfolgreiche Autorin und literarisch geschätzt, hat ihre Schwester damals gefunden, den Täter in flagranti gar noch gesehen.

 

Seit 11 Jahren hat Linda ihr Haus am Starnberger See nicht mehr verlassen. Angstzustände haben ihr das gewohnte Leben unmöglich gemacht, Kontakte sind verloren gegangen, wie eine Einsiedlerin lebt und schreibt sie in ihrer Trutzburg. Und geht nur noch in ihrer Fantasie auf Reisen.

 

Doch eines Tages, im Fernseher, sieht sie den Mörder. Und von da an ist all ihr Trachten und Sinnen darauf hin ausgerichtet, den Mann zur Strecke zu bringen. Ihn zu überführen, ihn zu einem Geständnis zu zwingen.

 

Denn von der Polizei erwartet sie nicht mehr viel. Auch da liegt noch eine Geschichte im Dunkeln, an die Linda eigentlich gar nicht mehr rühren möchte.

 

In klarer, einfacher Sprache und durchaus mit Tempo bringt Raabe in ihrem Debüt die Geschichte voran. Teilweise in zu einfacher Sprache, in der die Komplexität des emotionalen Aufruhrs in der Autorin nicht immer fühlbar in den Raum tritt, sondern zu sehr im nur dramatisch beschreibenden verbleibt.

 

Die einzelnen „Etappen“ des Plans bieten dabei zunächst auch keine sonderlich realitätsnahe  emotionale Einbeziehung des Lesers. In ein paar Stunden sich mit einem „As der Verhörtechnik“ fortbilden, in (so wirkt es) einer Trainingseinheit den Körper stählen, mit einer Vogelspinne die Angst in den Griff nehmen, all das reiht sich eher unverbunden aneinander und lässt den Roman auf den ersten Blick doch sehr vorhersehbar und mit Klischees behaftet erscheinen (bis hin zu einer  „Einfach-so-Heilung“).

Auch das „Buch im Buch“, den Thriller, den die „literarische Grande Dame“ schreibt, wirkt nicht sonderlich spannungsfördernd.

 

Dennoch, es lohnt sich, dabei zu bleiben, denn auch wenn das Ende und die Auflösung des Falles eher routiniert daherkommen, der Weg zu diesem Finale, der „Showdown“ mit dem vermeintlichen Mörder ihrer Schwester, der so ganz anders verläuft, als Linda ihn sich vorgestellt hat, dieser Weg ist sehr gelungen.

 

Das hin- und herwogen der Überraschungen, die Konfrontation, dieses perfide „All you need is love“, das Linda sich wohl nur einbildet, zu hören und dass ihr den Schweiß auf die Stirn treibt, dieser kühle Mann ihr gegenüber, all das dreht und wendet sich überraschend und mit Tempo von Seite zu Seite, bis der Leser ebenso erschöpft und verwirrt zunächst sich wiederfindet, wie Linda es am Ende der ersten Konfrontation sein wird.

 

Kann es sein, dass deswegen ihre Eltern mit ihr nicht sprechen wollen? Dass die ermittelnden Beamten damals ganz anderes im Kopf hatten, als Linda die ganzen Jahre über dachte?

 

Ein Spiel voller Intrigen und Täuschungen, mit überraschenden Wendungen und Verwirrungen, mit so einigen Verdächtigen dann und einem spannend (wenn auch dann nicht mehr sonderlich überraschenden) gestalteten Finale, hier nimmt Raabe den Leser durchaus auch innerlich sehr gut mit hinein in diese phobische Welt ihrer Protagonistin und entschädigt für manche stereotype und wenig glaubwürdige Entwicklung zu diesem Punkt hin.

 

Alles in allem eine empfehlenswerte und im letzten Teil spannende Unterhaltung.

 

M.Lehmann-Pape 2015